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Der Morgen · 1936-04-01 · Heft 1 (April 1936) · p. 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 1 (April 1936)
Article
Jüdische Gegenwart und hellenistisches Erbe
Date
1936-04-01
Page
29 (sequence 6)
Language
German
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Jüdische Gegenwart und hellenisches Erbe bestehen und wird durch alles, was wir von I. Heinemann, von Julius Guttmann, von Fritz Bamberger über die Synthesen und Scheidungen, die Konvergenzen und Divergenzen jüdischen und griechischen Geistes in vergangenen Geschichtsepochen des Judentums lernen, immer nur aufs neue erhärtet und bekräftigt: jene „Überlegung des Grundes", von der Piaton uns lehrt, daß erst sie die „richtigen Meinungen" gottbegeisterter Dichter und Seher zu bleibenden, überlieferbaren Erkenntnissen macht, indem sie sie in das Wissen um den Zusammenhang eines gottdurchwirkten Weltganzen einordnet. Sie ist eine Gabe, die unter allen Völkern des vorderasiatisch-europäischen Kulturkreises allein die Griechen unmittelbar von Gott empfangen haben. Um die Bedeutung dieser Gottesgabe zu wissen und sich ihren Überbringern zu unauslöschlischem Danke verpflichtet zu fühlen — das eben macht das Wesen des Humanismus aus, jener Geistesmacht, die das Sein des jüdischen Menschen seit seinem Eintritt in die Kultur des Abendlandes so entscheidend geformt hat. III. Unsere bisherigen Ausführungen bildeten gleichsam Variationen über ein Thema, das wohl als erster Julius W e 11 h a u - s en in seiner „Israelitischen und Jüdischen Geschichte" (1894) angeschlagen hat. Er stellte fest: „Die Richtung des jüdischen Geistes konvergiert mit der Richtung, die der griechische Geist etwa seit dem 6. Jahrhundert genommen hat. Hier wie dort stellt sich der Gegensatz zum Ethnizismus dar; will man Empedokles undÄschylus oder gar Sokrates einen Heiden nennen, so verbindet man mit dem Wort keinen Begriff mehr." Anschließend gibt dann Wellhausen einem gewissen Erstaunen darüber Ausdruck, daß die Philosophie der Griechen, anders als die Lehre des Judentums, „gegen den gemeinen (d.h. polytheistischen) Volks- und Gottesglauben gewöhnlich eine merkwürdige Toleranz bewies". Diese Betrachtungsweise birgt nun eine eigentümliche Problematik in sich, der auch all das unterliegt, was wir selbst soeben ausgeführt haben, weshalb wir uns über sie Rechenschaft geben müssen. Stehen Sokrates und Piaton zu den mythischen und kultischen Überlieferungen ihres Volkes wirklich nur in einem Verhältnis der „Toleranz"? Und würde es in der Tat völlig sinnlos sein, den Aischylos einen Heiden zu nennen? Wohl sind seine Götter „edel, hilfreich und gut" und haben alles Menschliche, allzu Menschliche, wie es den Göttergestalten der älteren Schichten des homerischen Epos anhaftet, von sich abgestreift. Und wohl ähnelt des Dichters trlebnis der Allmacht und Allgerechtigkeit des Zeus in wesentlichen Zügen dem Verhältnis der Dichter der Psalmen und des Buches Hiob zum Gotte Israels. Aber dennoch läßt sich aus dem Weltbilde des Aischylos die Vielheit seiner Gottheiten und ihre 29

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