Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Wunsch nach Tomaten
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895554-2905915--08743-2905972- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wunsch nach Tomaten war ihm nichts Neues. Wahrscheinlich saß ein Geist in seinem Bauch. Er zog sich den Riemen, den er wie jeder Beduine auf dem bloßen Bauch trug, fester, denn der Hunger rollte durch seine Eingeweide. Er trottete weiter, starrte auf die Steine der Straße. Als er plötzlich anhalten mußte — irgendein Hindernis hatte sich breitgemacht —, blickte er wieder auf. Starrte geistesabwesend vor sich hin und horchte auf das dumpfe Lied, das der Hunger in seinem Herzen sang. Plötzlich bekam sein Blick durch etwas Rotes im Lager eines Gemüseverkäufers wieder Leben. Die Farbe faszinierte ihn. Er trat näher, und da zog plötzlich wie ein abendliches Lied die Erinnerung in sein vor Hunger taubes Herz. Das Rote dort kannte er. „Bandora", formte sein Mund: Tomaten. Drei Dinge kannte seine Zunge, drei Dinge kannte sein Magen. Pitta, die flachen Brote, das Wasser auf der Milch der schwarzen Büffelkühe, das ihm die Milchtrinker überließen, wenn sie gesättigt waren und — sein Atem stockte in der rasend aufbrechenden Erinnerung: einmal hatte sein Vater solche roten Dinger von einem Überfall auf die Bauern in der Bakka mitgebracht. Drei davon hatte er ihm gestohlen, drei nur, aber genug, um Erinnerung fürs Leben zu geben. Beim Propheten, Bandora essen die Abgeschiedenen im Paradies, jeden Tag essen sie Bandora, diese saftigen halbsüßen roten Kugeln, die zehnmal besser sind als Pitta und als das ewig säuerliche Wasser auf der Büffelmilch! Abed bekam Speichel auf die Lippen. Der Speichel troff ihm auf die offene Brust, und er starrte, keines weiteren Gedankens fähig, auf die Summe aller Wünsche seines Lebens. Bis der Verkäufer ihn anrief, was er wolle. „Bandora", keuchte der Beduinenjunge. „Hat massäri", antwortete der gleichmütig: „gib Geld." Geld? Nie in seinem Leben hatte Abed auch nur einen einzigen Gurusch besessen, er, der Abkömmling eines längst verkommenen Stammlosen. Woher Geld nehmen? Ratlos schaute er sich um. Stehlen, durchzuckte es ihn, stehlen die Bandora! Aber der Verkäufer saß vor seiner Ware, wie die Kamelstute vor dem säugenden Jungen steht. Abed sah alles rot um sich; versunken waren die Steinzelte und alles Treiben vor ihnen, versunken der ganze Gemüsestand, nur, alles ausfüllend, sein ganzes taubes Herz ausfüllend, die roten Kugeln der Tomaten. Sein Atem stockte, dann bog sich sein Rücken, die Arme krochen empor: ein Stoß dem Dicken in den Bauch, und gleichzeitig mit der Linken den Bandorakorb packen und rennen! Der linke Fuß kroch vor, der rechte folgte, da — — da schlug in den Observatorien Europas plötzlich der Seismograph, ein starkes Fernbeben zwischen dem Euphrat und dem Mittelmeer registrierend, mit großer Heftigkeit aus. Die Erde glitt mit einem unter Abeds Füßen weg, brüllte auf wie eine Herde von zehntausend Sumpfbüffeln, die Mauern der steinernen Zelte kamen 23