Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Wunsch nach Tomaten
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 24 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ilse Abramczyk: Judische Gegenwart und hellenisches Erbe Für den jüdischen Menschen, der sich den Mächten der deutschen Bildung nach wie vor bis ins Innerste seines Seins verpflichtet weiß, bedeutet es ein dringendes Anliegen, sich darüber klar zu werden, wie das, was in ihm jüdisch ist, zusammenbestehen kann mit dem Erlebnis, das seit anderthalb Jahrhunderten für den deutschen Humanismus in dem Worte „Hellas" beschlossen liegt. Die heute im deutsch-jüdischen Lebenskreise herrschende Stimmung neigt zu der Antwort, daß jüdische und griechische Geisteshaltung in einem Verhältnis polarer Gegensätzlichkeit zueinander ständen, und daß wir deshalb nicht gleichzeitig „das Land der Griechen mit der Seele suchen" und dem Ethos des Judentums nachleben könnten. (Fortsetzung von Seite 23) auf ihn zu, und schreiend stürzte der Dicke aus seinem Gemüsestand auf die Straße hinaus. Das Unverständliche, das hier geschah, geschah nicht für den Beduinen. In seinem plötzlich wachen Herzen saß ein Schrei und vor seinen Augen war ein Vorhang. Den Schrei hervorholen, irgendwie wieder vor den Vorhang kommen, der zwischen ihm und den Bandorafrüchten stand! Er hörte ein Krachen und ein Niederbrechen vor sich, hörte schreiende Menschen an sich vorbeigleiten, doch da sie an ihn anrannten, wurde der Vorhang zerrissen. Wo der Gemüseladen gewesen war, lag ein wüstes Durcheinander von Steinen, Brettern und Balken, von dem Schutt herabrieselte und über dem eine Wolke weißen Staubes lagerte. Jähes Entsetzen saß in Abeds Kehle. Doch da die Erde zum zweiten Mal aufbrüllte, kam endlich der Schrei zur Welt, der elementare Schrei! Er stieß den Kopf vor, stieß ihn in die Staubwolke und schrie aus aller Kraft seines Brustkastens gegen den Trümmerhaufen: „Bandora! Bandoraü" Als dann die Menschen sich halbwegs fassen konnten, glaubten sie, der Beduinenjunge, der auf der Erdbebenruine saß und mit zitternden Händen Schutt wegriß, suche einen Verschütteten. Sie konnten nicht ahnen, daß er Steine und Balken weghob, um zu den roten Bandorafrüchten zu gelangen, die er unzerdrückt und unbeschädigt, rot wie die untergehende Sonne, unter den Steinen nach ihm rufen hörte. 24