Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Wunsch nach Tomaten
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Y. ben Gavriel großen Tonkrug ging auf dieses Ding zu, mit der gleichgültigsten Miene der Welt, drehte es um, und im nächsten Augenblick stürzte ein dicker Strahl Wasser in den Krug. Abed sprang zurück: er erlebte das größte Wunder seines Lebens. Wasser kommt aus dem Stein, es gibt Wasser, das nicht trüb ist, Wasser, das sich bewegt, ganz anders als das Wasser in den Brunnenlöchern unter den Ledertüchern in der Wüste, aus denen man mit Mühe herausschöpft, was man für sich und für die Kamele benötigt. Ein dreifaches Wunder! Abed starrte fassungslos, bis allmählich die Starre der Verwunderung in ein inneres Hüpfen überging. Er hätte gern getanzt, dieses Wunder umtanzt, hätte gern geschrien, und wenn er die Flöte nicht unterwegs verloren hätte, wahrlich, er hätte auf der Flöte gespielt. Ehe er sich aber noch entscheiden konnte, was er tun solle, machte der Mann mit dem Krug, wieder mit der gleichgültigsten Miene der Welt, wobei er eine Mundvoll Zigarettenrauch ausstieß und mit den Fingern sich schneuzte, eine kleine Handbewegung, ohne auch nur den Blick hinzuwenden, und der Strahl des Wassers brach ab, brach entzwei: die eine Hälfte bohrte sich in den Bauch des Kruges hinein, und die andere blieb in dem gelben Ding stecken. Dann lud der Mann den Krug auf den Kopf und ging weg. Ohne auch nur einen einzigen Blick nach dem gelben Ding zurückzuwerfen. Da sprang ein ungeheurer Entschluß in Abed auf: er wollte es dem Mann gleichtun, wollte gleich ihm einen Strahl Wasser aus dem Stein herausreißen, einen Strahl, der sich unten in das Loch in einem andern Stein hineinbohrt. Er erhob sich auf die Spitzen seiner nackten Füße und griff mit der Rechten nach dem gelben Ding. Es war heiß von der Sonne, die auf ihm lag. Abed wollte die Bewegung machen, aber sie gelang nicht. Kein Strahl sprang heraus. Er versuchte sie nochmals, nun nach der andern Seite hin, und siehe, jetzt brach mit jäher Plötzlichkeit das Wasser hervor. Fassungslos starrte er auf die Stange fallenden Wassers, in der sich die Strahlen der Sonne in den Farben des Regenbogens brachen. Er starrte und starrte in das erste Wunder seines Lebens, dessen Schöpfer er war, bis er einen Stoß in den Rücken bekam, der ihn beinahe hinwarf. „Du Sohn eines Hundes, dein Vater sei verflucht", rollte eine Stimme über ihn hin, und der spitze Schnurrbart eines riesigen Tscherkessen strich an seinem Gesicht vorbei. „Du denkst wohl, es gibt in diesem Jahr zu viel Wasser, daß man es so in den Kanal laufen lassen kann", schrie der Mann und brach die Wasserstange entzwei. Abed wußte nicht, was das Wort Kanal bedeute, aber er empfand, daß der andere im Recht war; denn Wasser ist das Wichtigste auf der Erde. Wichtiger als das Kamel, wichtiger selbst als die Haut auf der Sohle des Fußes. Abed ging weiter zwischen den Zelten aus Stein. Er hörte ein Grammophon. Dieser große Trichter, der Geräusche ausspie, 22