Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Voraussetzungen jüdischer Auswanderungspolitik
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 16 (sequence 7)
- Language
- German
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Arthur Prinz Bild der letzten Jahre, in denen die weite Welt dem jüdischen Einwanderer fast verschlossen war, Palästina aber weit offen stand, wird in den nächsten Jahren zweifellos eine starke Korrektur erfahren — wenn wir auch schwerlich jemals wieder die schrankenlose Freizügigkeit der Vorkriegszeit erleben werden. Die fortschreitende Erholung der überseeischen Länder von der Krise muß zur Steigerung ihrer wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit und über kurz oder lang auch zur Lockerung der Einwanderungsbeschränkungen führen. Dazu kommt, daß die fortschreitende Industrialisierung vieler überseeischer Staaten sie auch für die Aufnahme städtischer Elemente, wie die jüdische Auswanderung sie in so großer Anzahl enthält, geeigneter machen muß. Gleichzeitig dürfte der zum völligen Stillstand der Bevölkerung führende Geburtenrückgang wichtiger nord- und westeuropäischer Staaten (wie England und Schweden) — deren Auswanderer in fast allen angelsächsischen Einwanderungsgebieten stark bevorzugt werden — die untervölkerten Staaten dazu veranlassen, die in den letzten Jahren vielfach geübte Diskrimierung gegen Einwanderer aus Süd- und Osteuropa, insbesondere Ostjuden, fallen zu lassen oder wenigstens zu mildern. Noch eine ganze Reihe anderer Faktoren, deren Aufzählung zu weit führen würde, macht es wahrscheinlich, daß sich die Chancen der jüdischen Überseewanderung in den nächsten Jahren erheblich bessern werden. Ohne allen Zweifel aber würden sich diese Möglichkeiten um ein Vielfaches erhöhen, wenn auf die Umschichtung, planmäßige Lenkung und Unterbringung der jüdischen Überseewanderer auch nur ein Bruchteil der politischen Energie und der wirtschaftlichen Mittel verwandt würden, die für die Palästina-Wanderung fortlaufend aufgewendet werden. Trotz der unzweifelhaften Steigerung des Nationalismus in fast allen Einwanderungsländern ist es sehr wahrscheinlich, daß der Anlegung großer geschlossener gemischt-wirtschaftlicher jüdischer Siedlungen in klimatisch und wirtschaftlich ausgezeichnet geeigneten Gebieten keine allzu großen Hindernisse entgegenstehen würden — sofern freilich von vornherein die Gewähr dafür gegeben schiene, daß politischer Ehrgeiz bei derartigen Gründungen nicht im Spiele wäre, sondern daß sich die Einwanderer mit der Erhaltung und Pflege ihrer rassischen, religiösen und kulturellen Eigenart begnügen würden. (Daß es heute nicht mehr möglich ist, irgendwo auf der Welt einen „Judenstaat" zu gründen oder dort gar „die Judenfrage zu lösen", muß freilich jedem Einsichtigen klar sein.) Auf der andern Seite aber muß sich die Enge der wirtschaftlichen Basis des Palästina-Aufbaus — die Kleinheit und geringe Fruchtbarkeit des Bodens und seine Rohstoff armut — auf die Dauer immer mehr bemerkbar machen. Wenn der ungeheure Kapitalimport, der augenblicklich die wirklichenVerhältnisse des Landes weitgehend verschleiert, einmal nachläßt, so wird sich zeigen, wie prekär 16