Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-04-01 · Heft 1 (April 1936) · p. 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 1 (April 1936)
Article
Voraussetzungen jüdischer Auswanderungspolitik
Date
1936-04-01
Page
17 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895554-2905912--08733-2905966
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Voraussetzungen jüdischer Auswanderungspolitik die wirtschaftliche Existenz eines dicht besiedelten, und zwar von einer Bevölkerung mit hohem Lebensstandard bewohnten Gebiets ist, das kaum irgendwelche natürlichen Grundlagen für die Industrialisierung besitzt. Die Fortsetzung einer starken Einwanderung muß zu einer weiteren Erhöhung der Bodenpreise, Mieten und Löhne (oder zur Senkung des Lebensstandards) führen, — eine Entwicklung, die sich selbst durch scharfe Regierungseingriffe kaum verhindern lassen wird. So ist es mehr als wahrscheinlich, daß der weitere wirtschaftliche Aufbau Palästinas auf lange Sicht nur unter steigenden Kosten und Schwierigkeiten vor sich gehen kann, — um von den politischen Problemen ganzzu schweigen2). Das Mißverhältnis zwischen den Kosten, die in Palästina zur Unterbringung einer Familie auf dem Lande oder in der Stadt nötig sein werden, und denen, die anderwärts, in menschenleeren fruchtbaren Gebieten wie den klimatisch geeigneten Teilen Südamerikas, dazu erforderlich wären, muß aller Voraussicht nach immer größer werden. Unter diesen Umständen ist wohl die Hoffnung berechtigt, daß auch in zionistischen Kreisen die Bedeutung einer nach nationaljüdischen Gesichtspunkten geleiteten Überseewanderung mehr und mehr erkannt und auf die krasse Gegenüberstellung einer sich angeblich notwendigerweise überall immer mehr auflösenden Galut und dem Erstarken des jüdischen Palästina allmählich verzichtet werden wird. Freilich darf man sich keiner Täuschung darüber hingeben, daß eine solche Umstellung in der Wanderungsfrage notwendigerweise mit einer Revision der zionistischen Ideologie auch in anderen Punkten verknüpft sein muß. Doch je mehr auch für den gläubigsten Zionisten offenbar werden wird, daß Palästina zwar eine einzigartige und unersetzliche Bedeutung für die Erneuerung der Judenheit besitzt, aber nicht im entferntesten eine Gesamtlösung der Judenfrage bietet, um so mehr wird sich die Notwendigkeit ergeben, das gesamte Verhältnis zwischen der Galut und Palästina und die Aufgaben einer bewußten jüdischen Volkstums-Politik neu zu durchdenken. Wenn dies geschieht, wird sich die Erkenntnis ergeben, daß unter den heutigen Umständen die Wanderungspolitik eines der mächtigsten Mittel zur Umgestaltung und Besserung des jüdischen Lebens in der Galut und damit eine eminent nationaljüdische Aufgabe ist, — freilich nationaljüdisch in einem Sinne, der auch von Nichtzionisten. freudig bejaht werden könnte. Daß aber eine geistige Umstellung im zionistischen Lager die wichtigste Voraussetzung einer wirklichen nationaljüdischen Wanderungspolitik bildet, erscheint uns außer Zweifel. 2) Günstiger würden sich die wirtschaftlichen Aussichten einer weiteren Einwanderung darstellen, wenn es gelänge, auch Transjordanien der jüdischen Siedlung zu erschließen oder etwa im Süden des Landes Bewässerungsmöglichkeiten zu schaffen. Doch handelt es sich dabei nur um vage Hoffnungen. 17

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.