Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Voraussetzungen jüdischer Auswanderungspolitik
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 15 (sequence 6)
- Language
- German
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Voraussetzungen jüdischer Ausivanderungspolitik die dem Zionismus völlig ferngestanden hatten? Daß solche Erlebnisse das Selbstvertrauen der Zionisten stärken und fast jede Regung der Selbstkritik einschläfern mußten, leuchtet ein. Dazu kam aber, als der für die großen Massen jedenfalls eindruckvollste Beweis für die Richtigkeit nicht nur der zionistischen Theorie, sondern vor allem auch der Praxis, die Tatsache, daß das kleine Palästina inmitten der Weltwirtschaftskrise mehrere Jahre hindurch eine gewaltige Einwanderung, darunter bis jetzt etwa 30 000 deutsche Juden aufnahm, während untervölkerte Riesenländer wie Australien oder Kanada, von der Krise schwer betroffen, kaum einem einzigen Juden aus Deutschland ihre Tore öffneten. Palästina nicht nur als „geistiges Zentrum", sondern als das größte jüdische Einwanderungsland der Welt — war das nicht die schlagendste Widerlegung aller antizionistischen Kritiken wie der Kleingläubigen in den eigenen Reihen? Auf der einen Seite die unermeßlich weite und reiche, aber von Massenarbeitslosigkeit und tausend Schwierigkeiten heimgesuchte Welt, die sich gegen jüdische Einwanderung nahezu hermetisch abschloß — auf der andern aber das kleine, vielverlachte Palästina, das mitten in der Weltkrise durch jüdische Leistung und jüdisches Kapital zum Einwanderungsland für immer neue Zehntausende wurde — was brauchten sich die di minores der zionistischen Propaganda noch geistig anzustrengen, wenn die Wirklichkeit ihnen Jahre hindurch eine solche Gegenüberstellung bot? In einer solchen Zeit der Hochstimmung, wo alle Energien auf die praktische Ausnutzung des günstigen Augenblicks gerichtet waren, sich über die fernere Zukunft auch nur Gedanken zu machen und an der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges zu zweifeln, dazu gehörte ein geistiger Mut, dessen immer nur die wenigsten fähig sind. VI. Augenblicklich aber erscheint die Hoffnung auf eine gründliche Revision der zionistischen Ideologie in vielen Punkten, und nicht zuletzt in der Wanderungsfrage, nicht mehr als aussichtslos. Die ungeheure Erschütterung der jüdischen Positionen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen, in Rumänien, Österreich, Ungarn und anderen Ländern, — ja mehr oder minder in dem ganzen von etwa 6 Millionen Juden bewohnten Raum zwischen der Ostsee und dem Ägäischen Meer, der russischen Westgrenze und dem Rhein, hat eine solche Not und einen solchen Auswanderungsdrang gezeitigt, daß auf die Dauer selbst die stärksten Scheuklappen der Parteidoktrin nicht mehr die doppelte Erkenntnis von der Unzulänglichkeit Palästinas als Einwanderungsgebiet wie von der kaum zu überschätzenden Bedeutung einer richtig geleiteten Auswanderung werden verhindern können. Das durchaus anormale 15