Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Voraussetzungen jüdischer Auswanderungspolitik
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 13 (sequence 4)
- Language
- German
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Voraussetzungen jüdischer Auswanderungspolitik neiro, Montevideo, Kapstadt, Johannesburg usw. Diese Konzentrierung der Juden in den Hauptstädten bildet fast stets einen der wichtigsten Gründe des politischen und wirtschaftlichen Antisemitismus, und es ist keine Frage, daß sowohl eine rein wirtschaftliche, auf die Unterbringung möglichst vieler Menschen eingestellte wie eine bewußt eingliederungswillige Einwanderungspolitik diese Zusammenballung energisch bekämpfen und eine möglichst gleichmäßige Verteilung der jüdischen Einwanderer auf das ganze Land erstreben müßte — was zum Teil auch geschehen ist. Andrerseits aber ist es sehr wahrscheinlich, daß gerade diese Massierung der Juden an einzelnen Orten einen verhältnismäßig wirksamen Schutz gegen restlose Assimilation darstellt, die sonst, unter weit verstreuten Juden, schnell um sich greifen müßte. Eine auf die Erhaltung der jüdischen Substanz ausgerichtete Wanderungspolitik müßte deshalb diese Konzentrierung viel positiver bewerten). IV. Die jüdischen Organisationen in Deutschland, die heute die Auswanderung nach dem nichtpalästinensischen Ausland betreuen, treiben schon deshalb keine eigentliche Wanderungspolitik — und es wäre unrecht, so etwas von ihnen zu verlangen — weil nahezu die gesamte nichtzionistische Öffentlichkeit Deutschlands dem jüdischen Auswanderungsproblem bis 1933 gegenüber blind war oder sich so stellte. Vergegenwärtigt man sich die ideologischen Grundlagen des nichtzionistischen weit überwiegenden Teils der deutschen Judenheit, so leuchtet der Grund für diese Haltung ohne weiteres ein. Denn wenn man im politischen Kampfe gegen den Antisemitismus immer wieder betonte, daß die Juden keinen Fremdkörper im deutschen Volke bildeten, sondern vielmehr im allgemeinen seit unvordenklicher Zeit hier ansässig und mit deutschem Boden und dem deutschen Volk aufs innigste verwachsen seien, so konnte man für die deutschen Juden überhaupt keine Wanderungspolitik treiben, und die jüdische Auswanderung aus Ländern, in denen ihre wirtschaftliche und politische Lage unerträglich war und nach Abhilfe schrie, nur in philanthropischer Weise — eben durch „Hilfsvereine" und dergleichen — unterstützen. Irgendeine Wanderungspolitik nach gesamtjüdischen Gesichtspunkten zu treiben, hätte einen tiefen Widerspruch zu dieser Ideologie bedeutet. Und gerade weil es sich hier um eine Gedankenwelt handelte, mit der Generationen aufgewachsen waren und die einem großen Teil der deutschen Juden in Fleisch und Blut übergegangen war, konnte auch der Umschwung von 1933 keine wirkliche Änderung in der Haltung zum Auswanderungsproblem hervorrufen. Man mochte wohl den Zwang zur Auswanderung aus Deutschland als „dira necessitas", als tragische Notwendigkeit, begreifen und sie, so gut es ging, auch zu organisieren suchen; jede wirkliche Auswande-