Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 8 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Bamberger die Gegenwart eines organischen Zustandes anders zu begreifen als in Verbindung mit seiner Vergangenheit, d.h. anders als auf genetische Weise?", hatte Savigny, Zunz' akademischer Lehrer, in seiner Schrift „Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft" ausgerufen. Die zentrale Wichtigkeit der Historie, die hier proklamiert wird, ist auch von Zunz in seine Idee einer Wissenschaft vom Judentum hineingenommen worden. Zunz' frühe Schrift „Etwas über die rabbinische Literatur", die 1818, vier Jahre nach Savignys Buch erschien, entwickelt bereits das Programm einer solchen grundlegenden jüdischen Geschichtswissenschaft. Aber schon hier, und mehr noch in der Ausführung seiner Pläne, in den großen Werken, die in den nächsten Jahrzehnten erschienen, wird klar, wie sehr der großzügige Wissenschaftsbegriff sich in der Durchfuhrung verengert hat: aus Geschichte wird Literaturgeschichte. An sich braucht das noch keine Verminderung der Idee zu sein, die Zunz mit den Gelehrten seiner Zeit gemeinsam hatte. Auch in der literaturbildenden Tätigkeit eines Volkes ist der umfassende und einheitliche Volksgeist tätig. Gewiß wird im Auf und Ab schöpferischen Geistesschaffens und sammelnden Bewahrens der große Zug sichtbar, der seine Spur in die Gegenwart hineinführt und ihre Art als seinen Abschluß, seinen vorläufigen Abschluß erklärt: „.. die Schiffahrt auf dem einen Strom kann zu der Urquelle führen, der aller Geist entströmt und um welchen wie um einen ruhenden Pol alle Richtungen sich bewegen." Gewiß bildet die Vielfältigkeit der jüdischen Literatur ein zusammenhängendes Ganzes, in dem der jüdische Geist durch alle Erscheinungsformen hindurch sich einheitlichen Ausdruck gibt. Das ist Zunzens Vorüberzeugung, mit der er an seinen Stoff herangeht und die an diesem ihre Rechtfertigung findet; in seiner „Literaturgeschichte der synagogalen Poesie" ist zu Anfang diese Überzeugung gleichsam als methodisches Prinzip formuliert. Aber von zwei Seiten aus bedeutet die Beschränkung auf die Literaturgeschichte den Keim mindestens zu einer Minderleistung der jüdischen Wissenschaft gegenüber dem ihr von ihren Begründern gesetzten Ziel. Ein Vergleich mit der allgemeinen Wissenschaft mag das deutlich machen. Die allgemeine Wissenschaft hat eine lange Geschichte; eine neue Epoche beginnt, als sie sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts in so tiefgehender Weise über ihr Verfahren und ihren Sinn Gedanken macht. Aber als Wissenschaft ist sie die Fortsetzerin alter Wissenschaft, der prinzipiell die gleichen Lebenswirklichkeiten gegenüberstanden wie der neuen jetzt. Im jüdischen Bereich ist das nicht möglich. Hier wird Wissenschaft neu geschaffen. Eine Lebenswirklichkeit steht ihr gegenüber: das jüdische Leben nämlich, wie es sich nach Aufklärung und Emanzipation neu formt. Und die neue jüdische Wissenschaft wird ja eben deshalb geschaffen, um dieser Neuformung den rech- 8