Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 9 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wissenscliaft vom Judentum ten Sinn und den rechten Weg zu zeigen (eine Aufgabe, die nicht gelöst worden ist). Die Wirklichkeit aber, die die jüdische Wissenschaft tatsächlich ergreift, beschränkt sich in den meisten Fällen auf das, was im Jüdischen auch vorher Wissenschaft gewesen war, auf das alte „Lernen" im weitesten Sinn. Hier liegt nicht ausschließlich ein Fehlgriff vor, sondern auch eine echte und berechtigte Art des jüdischen Wesens. Lernen und Literatur haben im Jüdischen eine andere Stellung als sonst. Sie sind wirklich Lebenswirklichkeiten gewesen. Aber die neue Zeit, die Zunz und Gans in Gedanken fassen wollten, ist anderer Art; gerade im Jüdischen. Die starke Hinneigung zum Literarischen, auch in dem weiteren Sinn, den dieser Bereich im Jüdischen hat, bedeutete mehr und mehr eine Theologisierung der von der jüdischen Wissenschaft erfaßten Lebensbereiche. Das jüdische Leben selbst dagegen wurde immer säkularer. Wissenschaft und Leben, die von der jungen jüdischen Wissenschaft auf einander bezogen waren wie nie, liefen in der Folge immer weiter auseinander. Zwei Symptome aus späterer Zeit: als Zacharias Frankel 1851 die Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums begründete, konnte er bereits als Begründung dafür anspruchsvoll sagen: Ohne Wissenschaft des Judentums kein Judentum. Die Identität der Wissenschaft mit ihrem Gegenstand, der darin ausgesprochen ist, ist alte jüdische Art. Lernende Beschäftigung an Jüdischem ist gewiß eine Form jüdischer Existenz. Aber sie ist nicht die einzige. Und auch die anderen Arten jüdischer Existenz und die generelle Existenz des Juden, die noch unbestimmte, nicht in Einzeltätigkeiten aufgelöste, das schlichte Judesein selbst, auch sie müßten wissenschaftlich begriffen und von da aus in Bestand und Forderung sichergestellt werden. Zunz' erste Vision einer jüdischen Wissenschaft und noch sein Antrag an die Universität auf Schaffung einer jüdischen Professur hatten das ganze Leben des Judentums in allen Äußerungen und Formen vor Augen. Als Hermann Cohen 1904 über die Errichtung von Lehrstühlen für Ethik und Religionsphilosophie an den jüdisch-theologischen Lehranstalten sprach, erschien ihm die ursprüngliche Unterschiedslosigkeit von Leben und Lehre zwar als ein Ideal, das seit Mendelssohn nicht mehr bestehe, doch an dessen Stelle sah er nur „den nicht unzweideutigen Segen der Teilung der Arbeit". Das sind, wie gesagt, nur Symptome, die den Blick in die Richtung drehen, in der eine kritische Durchsicht der Wissenschaft des Judentums der letzten hundert Jahre, so wie sie zu Anfang dieses Aufsatzes bestimmt wurde, getrieben werden muß. Aus der anfänglichen Zielsetzung und aus dem in seiner ganzen Ausweitung so schwer zu ziehenden kritischen Resume würde danach erst der heutigen Wissenschaft des Judentums in heutiger Situation die Aufgabe nach Inhalt und Umfang zu stellen sein. Mehr als Thema und Ansatz zu ihrer Lösung war hier nicht zu geben. 9