Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Bamberger Wissenschaft entziehe. Und der Wissenschaftler Zunz wurde jüdischer Politiker, um die jüdische Wirklichkeit zu korrigieren: zur jüdischen Wissenschaft hin und nach ihrem Bilde. Als aber auch das nicht gelang, da resignierte Zunz und fand für die Selbstgenügsamkeit der wissenschaftlichen Arbeit nur eine karge Entschädigung in bitterer, wohl auch mürrischer Kritik des jüdischen Lebens seiner Zeit In der ursprünglichen Konzeption trug die Wissenschaft des Judentums lebensvolle Züge und bewegte sich im Schritte ihrer Zeit. In diesem Blick auf das Leben, der in der Arbeit als Forderung erschien, war Zunz der Schüler seiner Lehrer an der Berliner Universität, der Männer der „historischen Schule" (Savigny, Boeckh und anderer) und wie Gans, Zunzens Kollege in dem von beiden gegründeten „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden", Interpret Hegelscher Lehren. Gedanke und Begriff sind die Formen der Wissenschaft. Was in sie und ihre Verbindungen eingeht und mit diesen sich darstellen läßt, ist über den Zufall seiner Erscheinung hinausgehoben und in seiner Existenz gerechtfertigt. Judentum, das in die Form des wissenschaftlich Gewußten gebracht ist, ist damit in seiner Notwendigkeit dargestellt. Was im Ablauf der Geschehnisse dahintreibt, auftritt und verschwindet, ist als sinnvoll sichergestellt, wenn es von der Wissenschaft dargestellt werden kann. Eine fast spinozistische Konsequenz liegt in dieser Vorstellung beschlossen. Gans hat sie zur Begründung der Wissenschaft vom Judentum verwendet. „Fragt man mich aber, was die Zeit wolle, so antworte ich: sie will das Bewußtsein von sich erringen, sie will nicht bloß sein, sondern auch sich wissen. Kein Leben soll gelebt werden, von dessen Notwendigkeit sie nicht auch zugleich überzeugt sei, keine Erscheinung soll sich zeigen, von der nicht die Gewißheit da sei, daß sie nur so und nicht anders erscheinen könne. Indem dieses Streben der Zeit die höchste Stufe ist, die überhaupt errungen werden kann, liegt in ihm auch die höchste Beruhigung und die höchste Versöhnung." Die Wissenschaft soll hier die Gewißheit dessen vermitteln, was man lebt. An diesen Gedanken schließt sich bald ein zweiter an. Lebendige Wirklichkeit hat in ihrem wissenschaftlichen Ausdruck nicht nur die Sicherheit ihres eigenen Wesens bestätigt bekommen; sie rückt damit auch in den Weltzusammenhang aller Wahrheiten ein. Sie erhält die Gleichberechtigung mit allen anderen Erscheinungen des Weltgeistes, d.h. allen anderen, andersgearteten Wirklichkeiten der Welt. Wissenschaft des Judentums berechtigt das Jüdische, in seiner „nationellen" Eigenart zu bestehen, es stellt diese Eigenart heraus. Zugleich aber verleiht die Wissenschaft ihm einen Charakter des Allgemeinen. In diesem Sinne postuliert die von Zunz redigierte „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums": „Die Juden müssen sich wiederum als rüstige Mitarbeiter an dem ge- 6