Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 5 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Bambergen WiSSeHSCkaft VOttl Judentum Zur 50. Wiederkehr des Todestags von Leopold Zunz Die Wissenschaft des Judentums hat erst einen kurzen Weg hinter sich. Noch leben die Männer, die mit dem Altmeister dieser Wissenschaft, der auch ihr Begründer war, gesprochen haben. Noch lebt auch die Methode, die er für die jüdische Wissenschaft ausgebildet und verwendet hat, mehr oder minder adäquat in einem Teil heutiger wissenschaftlicher jüdischer Arbeit. Und schon scheint es vielen, als ob sich diese Wissenschaft in schwerer Krise befinde. In einer Krise nämlich, so sagt man — und zwar mit manchem Lob für Zunz selbst, seine uneigennützige Arbeit, seinen unbedingten lauteren Willen — aus einem prinzipiellen Ungenügen gegenüber der jüdischen Situation. Es ist sehr schwer, diesen Vorwurf zu prüfen. Denn das verlangt eine Übersicht über die Wissenschaft des Judentums, ihre Antriebe, ihre Leistungen, es fordert ein eindeutiges Verständnis der jüdischen Situation und verlangt schließlich, beides auf einander zu beziehen, die Wirkungssphäre der Wissenschaft auf das Leben nach Intensität und Umfang zu begreifen. Dabei dürfte nicht nur nach der faktischen Wirkung gefragt werden, sondern es müßte auch nach den Möglichkeiten, den vielleicht unausgenutzten Möglichkeiten, geforscht werden, die die jüdische Wissenschaft zwar geboten, das jüdische Leben aber nicht ergriffen hat. Es käme also unter Umständen dazu, in die Prüfung der jüdischen Wissenschaft auch eine Prüfung des jüdischen Lebens und seiner Organisation mit einzubeziehen. Das aber wäre eine Aufgabe, die den diesem Aufsatz gespannten Rahmen weit übersteigt. Zu allererst muß festgestellt werden, daß diese aktuelle Fragestellung gegenüber dem historischen Ausgangspunkt, gegenüber Zunz und seiner Begründung der Wissenschaft, historisch berechtigt ist. Die Begründung der Wissenschaft des Judentums erfolgte nicht aus einem zeitlos gültigen Trieb nach Wissen oder nach genauerem Wissen; sie ergab sich aus einer von der Wirklichkeit der jüdischen Lebensbedingungen oder Lebensschwierigkeiten geformten Situation. Die Wissenschaft vom Judentum entstand, um dieser Situation Herr zu werden. Als sie diese Aufgabe verfehlte, als auch Zunz zum Beispiel selbst spürte, daß seine Wissenschaft ohne Erfolg blieb (was natürlich nicht heißt: ohne literarischen Erfolg), da war er überzeugt, daß nicht seine Wissenschaft die Ursache dieses Versagens sei, sondern daß die Wirklichkeit sich der 5