Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Blick im Kreise
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Blick im Kreise der aus Deutschland Eingewanderten darstellt, auch noch dem Lohn- und Kulturdruck verelendeter Massen aus Polen gewachsen sein? Und wie sieht, in diesen Sorgen der Judenheiten, das Judentum aus? Gewiß, es lebt; doch schmal, kümmerlich, ohne rechtes Ansehen in der Welt und immer neben den Zeiten her. Die Bibelwissenschaft ist in protestantischen Händen; als jüdische beginnt sie erst wieder. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es wohl Leistungen von Juden, denen Weltbedeutung zukam, doch keine des Judentums mehr; den jüdischen Witz vielleicht ausgenommen, der einen Strahl der Kraft weiterträgt, mit der einst der Midrasch die flüchtige Anekdote an die Ewigkeit des Gesetzes band. Ist etwa dem bald ausgemergelten, bald verfetteten Körper der Judenheit solche Leistung nicht mehr zuzutrauen? Oder wird es ihm ergehen wie Dürers Melencolia, der, während sie noch düster grübelnd mit dem Zirkel sitzt, schon frischer Lorbeer an der Schläfe grünt? Die Zeit dazu wäre vielleicht da. Das orientalische Judentum zwar verharrt in einer Ruhe, die wohl eher stumpf als überlegen ist. Doch wenn jetzt das unerschöpflich scheinende Menschenbecken des nahen Ostens in Bewegung gerät, so ist einer Auseinandersetzung seiner jüdischen Lebensform mit der des Westens nicht mehr auszuweichen. Wird sie, kann sie sich in Palästina vollziehen? Wo und wie sie aber auch erfolge, jedenfalls ist nur von einer Vereinigung alter Form mit neuem Geist zu erwarten, daß sie die Gestalt des Judentums für diese Zeit in der Durchbildung zum Ausdruck bringe, die seiner latenten Kraft entspricht. Diese Kraft ist nicht einmal dem jüdischen Menschen selbst bewußt, geschweige denn der Welt. Denn die Welt sieht, im Osten, unverstandene Form, die von sich selbst nicht zu sagen weiß, bei den westlichen Nationen aber einen Geist, den sie, mit Recht, für nicht wesensverschieden von ihrem eigenen hält. Die spanischen Juden hatten sich einmal, bei nicht minder naher Berührung, erfolgreich abgegrenzt und behauptet. In der neuzeitlichen abendländischen Kultur aber hat jeder neue Schritt der Annäherung eine neue Schwächung des jüdischen Gehalts zur Folge gehabt, bis in Deutschland das Erlebnis des Krieges eine jüdische Generation zu jener Rückkehr trieb, die jetzt nur in die Breite und (bescheiden) in die Tiefe geht, ohne die Richtung ändern zu müssen, das heißt, ohne hundert Jahre der Teilnahme an abendländischer Kultur zu verleugnen. Zusammen mit dem, was sich an religiöser Substanz erhalten hat — und doch erst stellenweise in Berührung mit dieser Substanz — trägt der Wille dieser Generation den vielfältigen, bald wertvollen bald etwas bunten Betrieb, der sich seit 1933 aufgetan hat. 3