Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Blick im Kreise
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Blick im Kreise Aber liegt denn, wird hier mancher fragen, außer dieser Substanz und solchem Willen nicht auch die Tradition einer 150jährigen Geistesarbeit vor, mit der Blüte einer „Wissenschaft des Judentums" und dem Ziel, dem Judentum die Gestalt zu geben, in der es sein Bestes bewahren und der Zeit genugtun kann? Doch: wissenschaftliche Ergebnisse bleiben, und jene Tradition hat den Gehalt des Judentums mit Zügen des Abendlandes bereichert, die eine Rückkehr auf den Boden voremanzipatorischer Orthodoxie für immer ausschließen. Aber die Entwicklung hat auch das Judentum als eine Religion geteilt: in eine Konfession, einen Glauben, der dem Schicksal unterliegen kann, eines Tages keine Gläubigen mehr zu finden, und in eine Philosophie, deren Los es ist, immer neue Systeme emporzutreiben, bis der religiöse Gehalt ausgedunstet ist, dem sie alle ihre Bedeutung verdanken. Nun ist heute an vielen Stellen der Welt eine Rückbildung von Ideologien in religiöse Ersatzformen zu beobachten. Aber kann sich das Judentum solchen Bestrebungen anreihen, deren kurze Dauer nur eine Art von Kirche oder Dogmatisierung verbürgt? Es ist aufs höchste zu bedauern, daß, aus äußerer Ungunst der Zeiten, der liberal-religiösen Bewegung im 19. Jahrhundert keine konservative zur Seite trat; keine wenigstens, die diesen Namen verdient hätte. Einen einzigen, undurchsichtigen und verschnörkelten Versuch, ihr die Wege zu weisen, hat der Strom der Zeit schnell auf die Klippen gespült. Aber es wird immer klarer, daß der Bestand des Judentums nicht in Gedankensystemen liegen kann, wenn es nicht aus Gnade der Menschheit, sondern aus sich selbst bestehen will. Soll es nicht mit jedem Wechsel der geistigen Mode eine geistige Revolution erleben, so muß es wieder eine Religion werden. Und das heißt im Judentum Rückkehr zu den Formen des religiösen Gesetzes, da wo sie nicht abgeschliffen, sondern charaktervoll, ausschließend, — unbequem sind. Tun und dann erst hören sollte Israel. Nur diese feste Bindung kann dem Gedanken zur Freiheit, einer neuen religiösen Kraft zum Ausdruck verhelfen: in einer Zeit, von der wir noch weit entfernt sind. Denn das Religionsgesetz wartet nicht griffbereit. So klar der Blick das Ziel sieht, so ehrlich sträubt sich der Wille, in ein zu enges, unausgelüftetes Gehäuse zurückzukriechen. Es bleibt nichts übrig, als Schritt für Schritt, Zimmer für Zimmer wieder bewohnbar zu machen. An wenigen Stellen derjudenheit erst wird die Arbeit in diesem Geist in Angriff genommen. Noch hat Deutschland, aus stärkerem innerem Zwang, die Führung darin vor Palästina, das erst nationale Fundamente legt. Hier findet auch unsere Zeitschrift ihr Feld, ihr Name sein Recht. Auch in diesem zwölften Jahr will sie der lebenden Wirklichkeit des Judentums dienen. H.B. 4