Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Blick im Kreise
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Blick im Kreise sein braucht, so ist landwirtschaftliche Kolonisation — in ganzen Gruppen — mit der Gefahr rückständiger Wirtschaftsformen oder mit der Hoffnung auf einen Aufstieg der Weltwirtschaft belastet, die sich aus ihrer Selbstherrlichkeit überall in den Dienst der Politik zurückbegeben hat. Kurz: während immer mehr Völker sich zu Nationen konzentrieren, während alle Zweige der Wissenschaft längst von Einzelzu Gruppenproblemen übergegangen sind, sieht die praktische Handhabung von Massenbewegungen sich immer noch auf die Mittel des Individualzeitalters angewiesen. Und das braucht nicht einmal ein Unglück zu sein: in einer Zeit, der die Persönlichkeit immer weniger gilt, wächst hier mit den Anforderungen auch der Wert des Einzelnen. Hier wird der Mann wieder etwas wert, der auf sich selbst gestellt unter schwierigen Umständen für sich und seine Familie ein neues Leben zimmern kann, und die gewaltige Bewährungsprobe, der große Teile der Judenheit sich ausgesetzt sehen, kann, wo sie gelingt, auch auf die innere Kraft des Judentums stärkend zurückwirken. Von hier aus gesehen, kommt dem großzügigen Plan des Council of German Jewry eine Bedeutung zu weit über die Menschen hinaus, denen er zu neuem Einsatz ihrer Kräfte verhelfen kann, wenn nur in seiner Ausführung die großen Gesichtspunkte über die kleinen die Oberhand behalten. Angesichts der Schwächung und Gefahr, die jede weitere Zerstreuung zunächst im Gefolge hat, richten sich die Blicke nach Palästina: ist es ein Punkt der Einigung und Kraft? Kann es dazu werden? Nun: schon in einer gemeinsamen Blickrichtung liegt eine Gemeinsamkeit. Selbst wenn die Kraftströme zunächst mehr hinals zurückfließen, selbst als Gefahr bleibt Palästina eine Hoffnung. Auch hier gibt es die Frage eines Council, der Gesetze geben sollr wo bisher unausgeglichene und fast unvereinbare Strukturen, Formen, Anschauungen nebeneinander bestehen. Der Druck eines großarabischen Blocks legt sich um das kleine Land, die Zuckungen der Weltpolitik verzittern in seiner halbfertigen ungeschützten Wirtschaft. Aber fast in dem Maße, wie das Deutsche als Verständigungssprache unter Juden des Ostens und Westens zurücktritt, gewinnt das Hebräische an Boden, das Land damit an Rückgrat. Man darf erwarten, daß Teile der deutschen Einwanderung dem an Charakter und Geist tragenden russischen Element, dem weiterer Zuzug abgeschnitten ist, als innerer Halt zur Seite treten. Und die Kette der Kwuzot bildet schon heute einen gesunden, unzerstörbaren Kern. Doch so unerläßlich die Stärkung der jüdischen Minderheit ist, die an Einwohnerzahl erst der einer mittleren Großstadt entspricht, — wird das Land neben der Belastung, die ein Teil 2