Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Jüdische Geschichte aus den Uranfängen des Christentums
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 557 (sequence 3)
- Language
- German
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Jüdische Geschichte aus den Uranfängen des Christentums schweren Gebiet und die Quellenlage überblickt. Die Geschichte des Judentums aus jüdischem Geist kann nur geschrieben werden, wenn man dieser großen Wendung im jüdischen Schicksalsablauf viel größere Aufmerksamkeit schenkt, als dies bis jetzt geschehen ist. Hier versagen Graetz und Dubnow; und da wir uns von christlichen Theologen unsere eigene Geschichte nicht erzählen lassen können, bleibt nur eine wählerische Methode übrig, mit der wir uns der Wahrheit nähern und die Bestätigung unseres eigenen so tief beschatteten, aber nicht ruhmlosen Weges erfahren können. Dabei sind uns Standard-Werke wie die beiden hier angezeigten ein unentbehrlicher Behelf. Man lese etwa bei Lietzmann (im zweiten Band) nach, wie nach den Zeiten Trajans und Hadrians das Judentum allmählich aus dem Gesichtskreis des Historikers entschwindet und die ecclesia triumphans sich an seine Stelle setzt. Es ist zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrhunderts: „Noch einmal sehen wir diese Großmacht des Abendlands (das Judentum) ihre Kraft eindrucksvoll entfalten: die Synagoge von Dura zeigt uns mit ihren prächtig bemalten Wänden, wie weit diese Juden bereit waren, eigene Tradition dem Reiz hellenischer Kultur zu opfern. Und das war in dieser Gegend ein neues Streben: unter dem Bau des Jahres 2 45 hat sich eine ältere Synagoge gefunden, die in der bunten Dekoration die völkische Sitte noch ängstlich wahrt. Das läßt uns auch in diesen Ländern in einen Kampf zwischen Griechentum und Talmud hineinsehen, dessen Akten der Geschichte verloren gegangen sind und der zur Tragik im Schicksal des Volkes Israel gehört. Der Talmud von Babylon blieb Sieger und gab der Geschichte der Juden die geistigen Richtlinien." So dienen die neuesten archäologischen Funde der Aufhellung bisher unbekannter jüdischer Entwicklungsstadien. Für die gesamte jüdische Geistesgeschichte gibt es, was das erste Viertel des Jahrtausends (bis etwa 200 nach Chr.) angeht, kaum eine erheilendere Lektüre als eine gute moderne Kirchengeschichte. Die meisten Probleme daraus, von den Evangelien über die Entstehung der christlichen Glaubensregel bis zu der verwickelten Ketzergeschichte, sind auch den gebildeten Juden unbekannt, obwohl es sich hier um die Erkenntnis der wahren Natur des menschlichen Geistes und um unser eigenes Schicksal handelt. Die dichte, auf einer langen Lehr- und Forschererfahrung beruhende Art der Darstellung in den beiden Werken gestattet es nicht, auch nur einen Überblick über die Fülle des Gebotenen zu geben, nicht zu reden von einer Auseinandersetzung mit der dogmatischen Haltung beider Autoren zur Rolle des Judentums in der fraglichen Epoche. Lietzmann hat im übrigen folgende beherzigenswerte Sätze über echte Geschichtswissenschaft in dem Jesus-Kapitel des ersten Bandes ausgesprochen: „Tatbestände haben ihr eigenes Schwergewicht und fordern ihr Recht von ernster Wissenschaft: sie setzen sich durch und behalten schließlich das Feld ... Es gibt nur eine historische Methode: wenn von besonderen Methoden religionsgeschichtlicher, legenden-kritischer, formgeschichtlicher, kulturgeschichtlicher Art gesprochen wird, so sind das in Wirklichkeit nicht neue Methoden, sondern neue Gesichtspunkte, die geeignet sind, 557