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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 558

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Jüdische Geschichte aus den Uranfängen des Christentums
Date
1936-03-01
Page
558 (sequence 4)
Language
German
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Ludwig Feuchtwanger: Jüdische Geschichte . . . einander zu ergänzen und das Handwerkszeug der einen historischen Methode zu verbessern. Vereinzelt richten sie leicht Schaden an." Wäre je die Eigengesetzlichkeit jüdischer Geschichte, der ununterbrochene Fluß jüdischen Schicksals von den Anfängen bis heute, gänzlich undogmatisch, nur von dem unverbildeten, geschärften, unbestechlichen Historikerauge erfaßt, je ins Blickfeld großer Gelehrter von dem Ausmaß Ehrhards oder Lietzmanns geraten, so könnte die eben skizzierte historische Methode ein hocherfreuliches Ergebnis zeitigen, auch für die Betrachtung der durch alle Epochen so schmerzhaften Schnittfläche, auf der sich jüdisches und äußerjüdisches Denken und Geschehen treffen. Aus den neuen Werken des Bonner und Berliner Historikers können wir nur indirekt für unsere eigene jüdische Geschichte neue Einsichten gewinnen. Auch diese neuen Erkenntnisse — hinter einer oft für uns schwer zu überwindenden theologischen Schranke — haben wir aufmerksam und dankbar hinzunehmen. Es hängt mit der Natur der Sache und des Forschungsgebietes zusammen, daß nur wenige jüdische Gelehrte sich mit der in Frage stehenden spätantiken Zeit, soweit sie die außerjüdische Haltung zu dem versinkenden Judentum betrifft, in eigenen Arbeiten beschäftigt haben. Namentlich das große Phänomen der Aneignung jüdischen Geistesgutes bei gleichzeitiger Verfemung des jüdischen Geistes ist noch nicht genügend beachtet worden. Auf zwei umfangreiche, echt wissenschaftliche, weil theologisch-dogmatisch unabhängige Arbeiten zu den Problemen, die auch Ehrhaid und Lietzmann behandeln, von jüdischer Seite aus neuester Zeit sei hier nachdrücklich aufmerksam gemacht. Es ist das außerordentliche Werk von Hans Jonas über die „Gnosis" (Göttingen 1934); dieser Gnostizismus, benannt nach dem Anspruch, seinen Anhängern wahre Erkenntnis (= Gnosis) der Gottheit und des Wegs zur Erlösung durch besondere Offenbarungen und Mysterien-Einweihungen zu vermitteln, war die stärkste Gefahr, die das werdende Christentum zu bestehen hatte. Daß das Phänomen der Gnosis jetzt durchleuchtet ist und sich dabei herausgestellt hat, daß aus der Bekämpfung der „Gnosis" die mit dem Evangelium manchmal unvereinbar erscheinende kirchliche, absolut judenfeindliche Omnipotenz „siegreich" hervorgegangen ist, verdanken wir dem neuen Werk von Hans Jonas. Ebenfalls nur im Vorübergehen sei hier endlich auf die große Abhandlung von Robert Eisler im zweiten Eranos-Jahrbuch 1935 (Rhein-Verlag 1936) über das Rätsel des Johannes-Evangeliums hingewiesen. Eisler behandelt das vielleicht tiefste, aber am meisten vernachlässigte Thema der jüdischen Geschichte überhaupt: von den antijüdischen Affekten des Johannes-Evangeliums geht die universalhistorische Verfemung des Jüdischen, die sich später säkularisiert hat, eigentlich aus, nicht von den drei andern Evangelien und auch nicht von Paulus. Wir sehen: hier geht es um Zusammenhänge, die bisher dem jüdischen Blick kaum geöffnet waren. Mehr als einen ersten Hinweis auf die genannten Forscherarbeiten wollten wir nicht geben; aber wir glauben, daß man sich der Aufgabe kaum mehr entziehen kann, auch einen weiteren Kreis mit diesen schicksalschweren, scheinbar abgelegenen, ja exklusiven Problemen in geeigneter Weise bekannt zu machen. 558

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