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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 556

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Jüdische Geschichte aus den Uranfängen des Christentums
Date
1936-03-01
Page
556 (sequence 2)
Language
German
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Ludwig Feuchtwanger und Ausdrucksweise der Urkirche wird von Forschern solchen Ranges selbstverständlich nicht verkannt. Aber den entscheidenden Vorgang erkennen beide in der johanneischen Abkehr der neuen an den Christus glaubenden Sekte vom Judentum. Der enge Zusammenhang der ersten Judenchristen mit dem Tempel und dem Gesetz bleibt dabei charakteristisch für das früheste Stadium des Christentums. „Es ist undenkbar", sagt Ehrhard, „daß Juden, auch wenn sie den Glauben an Jesus von Nazareth angenommen hatten, in Jerusalem wie in ganz Palästina sich von Einrichtungen hätten trennen können, die den Stolz ihrer Nation und die Normen für das Leben ihrer Väter darstellten. Dazu kam, daß das mosaische Gesetz zugleich das jüdische Recht war und somit das ganze bürgerliche Leben der Palästinajuden beherrschte". Die Urkirche blieb noch innerhalb des Rahmens des palästinensischen Judentums und erhob den Anspruch, das wahre Israel zu sein; sie war zunächst nur eine eigenwillige heroische Sekte, die sich aber mit dem Gesamtjudentum vertrug und in dem jüdischen nationalen Verband ganz eingewurzelt war. Aber aus der Überzeugung von der Nähe der messianischen Vollendungszeiten — einem legitimen jüdischen Glauben — schöpften die Mitglieder der ersten sich von ihrer Umgebung noch nicht abhebenden Christengemeinschaft die Kraft, auf ein behäbiges Erdenleben zu verzichten. Ehrhard setzt hinzu: „Großtaten entstehen im religiösen Leben der Menschheit niemals, ohne daß ihre Träger aus den geordneten erdenhaften Daseinsverhältnissen heraustreten und dadurch den Hohn und den Spott der Masse auf sich laden, die sich weigert, die ausgetretenen Lebenswege zu verlassen, der aber die Weltgeschichte nichts zu verdanken hat und die nur die dunkle Folie bildet, von der jene leuchtenden Vorkämpfer sich abheben." Die lebendige Schilderung der jüdischen Messiashoffnung der Römerzeit wie überhaupt der gesamten religiösen, zu der entscheidenden Wandlung führenden Haltung des damaligen palästinischen Judentums, dessen einfache Leute in Stille und Geduld auf das Kommen des prophezeiten Reiches Gottes warteten (ohne Lärm, und ohne Bücher zu schreiben), ist das besondere Anliegen Lietzmanns, der im übrigen minutiös nach den Quellen den vielgestaltigen, rätselreichen, uns immer wieder so tief bewegenden Prozeß der Geburt des Christentums aus dem Judentum aufhellt. Wie das junge Christentum — als Verfolgte in heroischer, verzichtender Demut, nur Duldung heischend, als Sieger aber sich in ein doppeltes Imperium verwandelnd — die Welt erobert hat, mit den jüdischen biblischen Büchern in der Hand, die es für sein Eigentum erklärte, wie es die Synagoge als die „Kainssöhne", die Gezeichneten, verwarf und ewig demütigte, das bleibt der erschütterndste Vorgang auch der jüdischen Geschichte, die vom ersten nachchristlichen Jahrhundert an ihren eigenen Gang, abseits von der allgemeinen Weltgeschichte, antritt und heute noch nicht beendigt hat. Welcher Reichtum in Ehrhards und Lietzmanns Geschichtswerken über das entstehende Christentum und das von ihm hinabgestoßene Judentum steckt — immer mit dem bekannten theologischen Vorzeichen —, kann nur ermessen, wer den gegenwärtigen Stand der Forschung auf diesem 556

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