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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 552

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Studie über den jüdischen Witz
Date
1936-03-01
Page
552 (sequence 8)
Language
German
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Werner Ellinger: Studie über den jüdischen Witz Vorhandensein und damit an alle Beschränkungen und Lasten erinnern, so sind sie auch im Witz stets Leute, denen man aus dem Wege geht, denen man Solidarität entgegensetzt, die man abzuwehren hat. Aus der Unbeteiligtheit am staatlichen Leben und der Gleichgültigkeit gegenüber nichtjüdischen Dingen resultiert andererseits die Tatsache, daß der jüdische Witz frei von aller politischen Polemik ist. Wo im Witz der Zar, der Offizier, der Zollbeamte auftritt, bemächtigt sich seiner der Witz zwar mit der gleichen Unvermitteltheit und Distanzlosigkeit, die auch den religiösen Witz gegenüber dem Gegenstand der höchsten Verehrung kennzeichnet; aber dieser Witz ist frei von jeder politischen Tendenz. Der Repräsentant des Staates ist der Repräsentant eines unbequemen Schicksals, das es zu erdulden oder abzuwehren gilt; die Staatsform ist nie Gegenstand des Witzes. So kommt es, daß der jüdische Witz keine „Serenissimus"-Witze, keine Leutnantswitze und auch keine von der Art der französischen Höflingswitze hervorgebracht hat, die im Witz die Polemik enthalten. Der im Witz kritisierten Reaktion des Ghettojudentums nach außen, dem Versuch, die Fesseln des staatlichen Zwangs auszuweiten, wo sie etwas lockerer sitzen, entspricht die Überbetonung des eigenen Selbstgefühls und die Unbeherrschtheit, die in der vom jüdischen Witz kritisierten Respektlosigkeit des Juden dem Juden gegenüber zum Ausdruck kommt, wie in dem Beispiel, wo der Jude, der sich allein mit einem andern Herrn im Eisenbahnabteil befindet, die Füße auf die Bank legt, sobald sich herausstellt, daß der andere auch Jude ist. Das Wesen des jüdischen Witzes ist die Kritik. Ob man diese als Selbstkritik bezeichnen darf, richtet sich nach dem Standort des Betrachters. Betrachtet man die jüdische Gemeinschaft als ein homogenes Ganzes von außen, so drängt sich der Gedanke auf, daß es sich beim jüdischen Witz ausschließlich um eine ins Grenzenlose getriebene Selbstpersiflage handle. Versetzen wir uns jedoch in diese Gemeinschaft, die wie jede andere trotz ihrer Enge Differenzierungen der Anschauungen und Standpunkte aufweist, so muß das Urteil, daß das Wesen des jüdischen Witzes ausschließlich Selbstpersiflage sei, bald oberflächlich erscheinen. Dies ist aber bei der Kritik innerhalb jeder Gemeinschaft der Fall, nur mit dem Unterschied, daß der Blick der Außenwelt nicht so aufs Ganze gerichtet ist wie gerade bei der jüdischen. Schuld an jenem falschen Urteil über das Wesen jüdischen Witzes ist die Kritiklosigkeit, mit der wirklich jüdischer Witz mit nichtjüdischen Witzen über Juden vermengt und zur Belustigung eines Publikums vorgetragen wurde, das zwar den Witz hörte, aber die Problematik nicht kannte, die hinter ihm steht und ihn geschaffen hat. 552

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