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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 553

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Studie über den jüdischen Witz
Date
1936-03-01
Page
553 (sequence 9)
Language
German
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IRI
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Werner Cahnmcnn: Königin Esther fastet Die Prägnanz, die den jüdischen Witz als solchen vor dem nichtjüdischen auszeichnet, obwohl dem jüdischen Witz die sinnliche Anschaulichkeit mangelt — er läßt sich z. B. nicht zureichend bildlich illustrieren —, entspringt nicht zuletzt der eigentümlichen Zweischichtigkeit seines Sinns. Denn bei den meisten der jüdischen Witze erschöpft sich der Gehalt des Witzes nicht in Inhalt und Form der Pointe, sondern hinter der Pointe steht als „Moral der Geschichte" die Kritik. Hinter dem witzigen Gedanken leuchtet der weite Horizont der religiösen, der sozialen, der allgemeinmenschlichen Problematik auf; hinter der Witzfigur steht unsichtbar gegenwärtig die von ihr repräsentierte Institution. Hinter jedem jüdischen Witz steht die Kritik, und in ihr schwingt eine ethische Mahnung mit, die den Witz aus der Ebene der Belustigung in den Rang einer reinigenden, richtenden Philosophie des Lebens erhebt. Werner Cahnmann: Königin Esther fastet Die Worte des Moscheh zu der Gottesstimme aus dem Dornbusch: mi anochi ki elech el-paroh? (Wer bin ich, daß ich zum Pharao gehe?) sind das Leitwort zu dem befangenen Zögern und zur Demut einer jüdischen Tapferkeit. Die Aufgabe, vor welcher der Jude steht, ist so groß, daß er nicht darauf vertrauen darf, sie im unbekümmerten Einsatz seiner Kraft lösen zu können. Wenn sie mit übermächtiger Forderung an ihn herantritt, überfällt ihn das Zittern der Kreatur. So spannt sich der Bogen von Moscheh zu Esther. Aber in alter Zeit sprach Gott selbst mit den Menschen und flößte ihnen Mut ein — die Megillah Esther ist das Buch, in dem nicht einmal sein Name vorkommt. Auf sich selbst gestellt, wenn auch vom unsichtbaren Atem Gottes umweht, schlägt Esthers Herz dem unsrigen verwandt. Rainer Maria Rilke hat in einem seiner biblischen Gedichte die Angst der Königin Esther geschildert. Er hält sich an die ersten Sätze des fünften Kapitels aus der Megillah: Esther geht ungerufen, obwohl sie weiß, daß darauf der Tod steht, zum König. Sie hatte nicht gedadit So langen Gang zu tun mit all den Steinen, Die schwerer wurden von des Königs Scheinen Und kalt von ihrer Angst. Sie ging und ging. Und als der König zum Zeichen, daß sie Gunst gefunden hatte in seinen Augen, sie mit der Spitze des Szepters anrührt, da sinkt sie, kaum mehr ihrer Sinne mächtig, in die Arme der begleitenden Dienerinnen. 553

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