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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 550

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Studie über den jüdischen Witz
Date
1936-03-01
Page
550 (sequence 6)
Language
German
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Werner Ellinger muntert, er könne ruhig laut reden, taub sei sie auch, so geschieht dies nicht, um sich über die bedauernswerte Frau, sondern über sich selbst lustig zu machen. Dem jüdischen Witz fehlen alle Beispiele einer humorvoll-besinnlichen Betrachtungsweise der Natur oder des Lebens, und wenn wir scheinbar Witze solcher Art finden, so merken wir bei genauem Hinsehen, daß sie jene beschauliche Haltung gerade persiflieren, wie z. B. in dem „nachdenklichen" Gespräch, wo der eine sagt: „Das Leben ist wie eine Kettenbrück7" und auf die erstaunte Frage des andern, wie er das meine, antwortet: „Soll ich wissen?" Der Konfliktsituationen, denen der Jude ausgesetzt ist, sind viele, und der Konfliktstoff, den er in sich trägt, ist groß: der jüdische Witz macht vor keinem von ihnen Halt. Er legt schonungslos die Gewissenskonflikte des Einzelnen bloß, die dieser als Jude mit sich herumträgt und vor sich und den andern verbirgt; er deckt schonungslos Blößen auf, die sich Juden selbst geben und die sie nur im Witz aufzudecken und sich einzugestehen wagen. Die Spannung zwischen der im Ghetto bis zur Erstarrung der religiösen Form getriebenen Bindung an die religiöse Tradition mit ihren strengen Riten und den aus dem Westen eindringenden, von westeuropäisch gebildeten Juden getragenen freieren religiösen Auffassungen hat die Witzfigur des Freigeistes („apikoires") geschaffen, der steter Gegenstand des witzigen Angriffs ist. Aber der auch dem religiösen Juden tief eingeprägte Skeptizismus, der selbst vor den Dingen des Glaubens nicht halt macht, drückt sich in Witzen aus, wie wenn der sterbende Vater seinem Sohn erzählt, daß nach dem Glauben der Väter beim Herannahen des Messias die andern auf einer eisernen Brücke gehen, die einstürzen wird, die Juden aber auf einer papierenen; und diese wird fest bleiben. „Nun bitte ich dich, mein lieber Sohn", so rät der Sterbende, „wenn der Messias kommt, so sollst du auf jeden Fall auf der eisernen Brücke gehen". Die Witze mit dem angstvollen Zweifel des Juden, daß das ersehnte Jenseits oder die Tage des Messias wieder Enttäuschung und Elend bringen könnten, sind zahlreich. Auf der andern Seite steht der Spott des emanzipierten Juden über die Hemmungen, die er der Lösung von der religiösen Form und dem Ritus entgegensetzt, und über gewisse Rudimente einer vorassimilatorischen Zeit. Während es dabei um die Frage der Erhaltung oder Vernichtung der religiösen Substanz des Judentums geht, führt uns eine andere Gruppe mitten in die innerreligiöse Auseinandersetzung selbst hinein. Es sind dies die zahllosen Rabbi- und Wunderrabbi-Witze. Bei den Rabbiwitzen geht es um die Fragwürdigkeit der rabbinischen Institution, so wenn die Funktion des Rabbiners als Schiedsrichter angegriffen wird, etwa in der Konfrontation der Weltfremdheit des „allwissenden" Rabbiners mit dem praktischen Leben, wie in dem Beispiel, wo ein Mann seine Frau 550

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