Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Studie über den jüdischen Witz
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 549 (sequence 5)
- Language
- German
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Studie über den jüdischen Witz derer. „Hundsmiserabel ist das Bier!" — „Hervorragend ist es!", geht es weiter, bis endlich einer ruft: „Hier sitzt ein Unparteiischer, der soll entscheiden, ob das Bier gut oder schlecht ist. Nun, wie finden Sie das Bier?" Der Gefragte sieht auf und erwidert gelassen: „Bier ist Bier!" Die jüdische Fassung lautet: Simon Levis hatten Besuch. Einen ganz entfernten Verwandten. Aber schließlich: jüdisches Familienleben ist jüdisches Familienleben. Er blieb eine Woche. Niemand sagte was. Er blieb zwei Wochen. Kein Mund rührte sich. Als aber drei Wochen um waren, sagte Simon eines Morgens: „Ich hab en genug!" — „Ich auch!", sagte Malchen. — „Aber wie kriegen wir den Bocher enaus?" Sie sannen hin, sie sannen her: endlich schlug sich Simon an die Stirn: „Ich hab's!" Und er schlug vor, während des Mittagessens einen Streit vom Zaun zu brechen und den Gast als Schiedsrichter anzurufen: einem mußte er unrecht geben, und der sollte ihn dann hinauswerfen. Beim Mittagessen begann Simon: „Die Supp' ist versalzen!" — „Die Supp' is nix versalzen!", konstatierte Malchen. „Die Supp' is ja versalzen!", schrie Simon. „Und ich sag der: nein!", schrie Malchen. So ging es hin und her. Bis endlich Simon auf den Tisch schlug: „Ich hab es satt! Jenner is unparteiisch: er soll sagen, ob sie versalzen is oder nicht." Der Gast sah von der Suppe auf und sagte schlicht: „Wegen der Wochen zwei oder drei, die ich noch hier bleib, werd ich mer doch nix anfangen, mich in eure Bilbulims zu mischen." Man mag einwenden, daß es sich bei dem Unterschied der Fassungen lediglich um einen Unterschied in der Güte und Treffsicherheit der Pointierung handle; jedoch dürfte der Unterschied auch in der psychologischen Haltung der beiden Witzpersonen liegen, die sie der unerwarteten und peinlichen Situation gegenüber verschieden reagieren läßt. Der Held in der nichtjüdischen Fassung verhält sich ganz passiv; er ist naiv, nicht witzig, Objekt, nicht Subjekt der Handlung. Ganz anders in der jüdischen Fassung. Der aufdringliche Gast ist sich seiner Situation im Gegensatz zu dem Eindringling am Stammtisch bewußt; dieser weiß nicht, daß er sich unbeliebt macht, jener weiß und ignoriert es; dem Wirtshausbesucher ist der Geschmack des Bieres gleichgültig, und seine Rettung ist, daß seine Antwort ganz objektiv nicht in den Plan der Verschwörer paßt. Der Bocher hingegen merkt, daß er sich mit einem Urteil in die Nesseln setzen könnte, und enthüllt mit der Pointe unbewußt die Hintergedanken der beiden anderen. * Betrachten wir schließlich den jüdischen Witz auf seinen Witzinhalt und auf die mit ihm verfolgte Tendenz, so fällt uns fast in allen Fällen eine dem jüdischen Witz typische Situation auf. Der jüdische Witz dient fast immer dazu, eine Spannung zu lösen; die Situation des jüdischen Witzes ist fast stets eine Konfliktsituation. Der jüdische Witz kennt nicht die Schadenfreude an der Ungeschicklichkeit des Nächsten oder an seiner körperlichen Mangelhaftigkeit, der Betrunkene als Witztyp ist unbekannt; wenn der junge Ehemann seinen Bekannten, der überrascht ist, daß jener eine so häßliche, bucklige und schielende Frau heiraten konnte, er- 549