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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 548

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Studie über den jüdischen Witz
Date
1936-03-01
Page
548 (sequence 4)
Language
German
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Werner Elünger Ein Mittel zur scheinbar logischen Überzeugung des Gegners ist die Gleichsetzung von Phantasie und Wirklichkeit. Diese Form der Scheinlogik findet ihre Anwendung insbesondere in den Wunderrabbi-Witzen. Hierher gehört ferner die Verwendung des Beweisthemas als Beweismittel, also des circulus vitiosus; ein wunderbares Ereignis wird z. B. durch ein zweites Wunder wieder aufgehoben, und das zweite Wunder durch den Nichteintritt des ersten bewiesen, wie etwa in dem Fall, wo der Rabbi einen Knaben beim Genuß eines Schinkenbrotes beobachtet und wünscht, daß das Haus über dem Frevler einstürzen möge, dann aber Mitleid bekommt und darum fleht, das Haus möge nicht einstürzen. Und siehe: das Wunder geschieht, das Haus bleibt stehen. Schließlich sei noch die Technik der Übertrumpfung genannt; in Verbindung mit einer Verschiebung des Gedankengangs oder einer Vergleichung unvergleichbarer Größ en stellt sie eine wirksame Methode des Witzes dar, so etwa im Witz von dem Wunderrabbi, der seinen Vorgänger, auf dessen Weg die Sonne schien, während es rechts und links von ihm regnete, durch das Wunder überbietet, daß es am späten Freitagabend, während er noch außerhalb der Stadt ist, rechts von ihm und links von ihm, vor ihm und hinter ihm schon Schabbos ist, nur da noch nicht, wo er eben geht. * Mancher Witz ist weder im Thema autochthon jüdischen Ursprungs, noch weist er eine der für den jüdischen Witz spezifischen Techniken auf; trotzdem handelt es sich dabei zweifellos um einen „echten" jüdischen Witz. Die jüdische Eigenart des Witzes liegt in diesem Fall in seiner Einkleidung, der Assimilation eines von der Umwelt rezipierten Stoffes an Milieu und Eigenart des jüdischen Lebens. Solche Rezeption und Assimilation eines nichtjüdischen Stoffes kennen wir aus vielen Fällen der jüdischen Schwankliteratur. So hat der jüdische Schwank Motive verarbeitet, wie sie in der Odysee oder den Sagen von „Tausend und einer Nacht" vorkommen, andere stammen, wie Olswanger in der Einleitung zu „Rosinkess und Mandlen" dartut, aus den „Gesta Romanorum", aus dem „Decamerone" das Boccacio und aus anderen Quellen. Wie ein neutrales Thema im jüdischen Witz eine besondere und unterscheidende Ausprägung erhält, soll im folgenden an dem Beispiel des „Schiedsrichterwitzes" gezeigt werden. Zunächst die nichtjüdische Fassung: Dem allabendlichen Stammtisch einer Gesellschaft gesellt sich seit einigen Tagen regelmäßig ein Fremder zu, der sich nicht im geringsten in seiner Anwesenheit dadurch stören läßt, daß niemand Notiz von ihm nimmt. Eines Abends beraten die anderen, wie sie den ungebetenen Gast loswerden könnten, und kommen zu dem Entschluß, einen Streit vom Zaun zu brechen und ihn zum Schiedsrichter anzurufen. Die Partei, der er unrecht gibt, soll ihn mit vereinten Kräften hinauswerfen. Als er kommt, fängt einer an: „Das Bier ist heute miserabel!" — „Das Bier ist ausgezeichnet!", sagt ein an- 548

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