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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 547

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Studie über den jüdischen Witz
Date
1936-03-01
Page
547 (sequence 3)
Language
German
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Studie über den jüdischen Witz ein Hase in dem Sack ist. Nach dem Inhalt des anderen Sackes befragt gibt der Jude an, daß dieser aus Hasenfutter bestehe. Die Kontrolle ergibt, daß der Sack bis oben hin mit Tabak gefüllt ist. Auf die Vorhaltung des Beamten, daß der Hase das doch nicht fresse, antwortet der Jude erstaunt: „Frißt er nicht? Dann kriegt er gar nichts!" Den umgekehrten Fall einer Verschiebung einer moralischen Vorhaltung auf das bloß Tatsächliche einer Feststellung zeigt folgender Witz: Low und Moische sitzen beim Kartenspiel. Plötzlich ruft Low: „Moische, du betrügst!" Darauf dieser beschwichtigend: „Ich weiß, ich weiß." Mitunter dient das Mittel der Verschiebung dazu, einen Einwand scheinbar logisch zu entkräften. Das bekannteste Beispiel einer Verschiebung vom Moralischen auf das Logische dürfte in folgendem Witz zu suchen sein: Ein verarmter Jude, dem ein Gönner zehn Mark geschenkt hat, wird von diesem eine Stunde später in einem vornehmen Restaurant getroffen. Der Gönner macht ihm Vorwürfe: „Was, Sie sitzen hier, und essen Lachs mit Mayonnaise?", worauf der andere antwortet: „Ich verstehe Sie nicht. Wenn ich kein Geld habe, kann ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise, wenn ich Geld habe, darf ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise. Also, wann soll ich eigentlich essen Lachs mit Mayonnaise?" Außer der Verschiebung ist als typisches Mittel des jüdischen Witzes die Scheinlogik zu erwähnen. Diese Scheinlogik begegnet uns manchmal als Sophistik, etwa im Isolieren des in Wirklichkeit Zusammengehörenden wie in dem Beispiel des Schadchen, der für jeden der zahlreichen Mängel der Braut eine Entschuldigung weiß, endlich, nachdem alle anderen Fehler einzeln wegdisputiert sind, auf die Vorhaltung, daß die Braut einen Buckel habe, entrüstet erwidert: „Was, gar keinen Fehler soll sie haben?!" Hierher gehört ferner das Hinausschießen über das eigene Denkziel, nur um in einem Beweispunkt zu siegen, wenn das auch eine Niederlage im Ganzen mit sich bringt. Auch auf die Herkunft dieser Denkart aus einer Eigentümlichkeit des Toralernens, dem sogenannten „Chilluk", hat Ernst Simon hingewiesen. Sie scheut nicht davor zurück, mitunter im nächsten Satz zu verneinen, was im vorhergehenden behauptet wurde. Der Schadehen z. B., der dem Bewerber die Schätze im Silberschrank der Braut zeigt, erwidert auf die zweifelnde Frage, ob das denn auch alles den Eltern der Braut selbst gehöre, zur Bekräftigung: „Aber natürlich! Wer wird denn schon den Leuten etwas borgen!" Oder der Agent rät seinem Interessenten, das Haus wegen seiner unvergleichlichen Lage am Dnjestr zu kaufen; wolle er Aussicht haben, so habe er den Dnjestr vor dem Balkon, wolle er Wäsche waschen, Schlittschuhe laufen, baden, — gleich sei der Dnjestr in der Nähe. Als der Käufer dann aber Bedenken äußert wegen der allzu großen Nähe des Hauses am Fluß bei Eisgang und Überschwemmung, beschwichtigt ihn der Agent im Eifer der Überredung: „Haben Sie eine Ahnung von der Entfernung — wo ist das Haus, und wo ist der Dnjestr?!" 547

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