Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Studie über den jüdischen Witz
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 546 (sequence 2)
- Language
- German
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Werner Ellinger Fast charakteristischer als Stoff und Milieu des jüdischen Witzes ist die dem jüdischen Witz eigentümliche und ihm seine eigentliche unterscheidende Form gebende Technik. Jüdisches Milieu kann auch zum Gegenstand nichtjüdischen Witzes gemacht werden, wie wir dies z.B. beim antisemitischen Witz sehen; andererseits tritt der Gegenstand des jüdischen Witzes oft aus dem geschlossenen Milieu jüdischer Lebensform heraus. Welches ist nun die dem jüdischen Witz eigentümliche Form, die ein so wesentliches Kriterium seiner Erkennbarkeit bildet, daß der feinfühlige Hörer schon allein aus der Form des Witzes eine Unterscheidung des typisch jüdischen vom nichtjüdischen Witz zu treffen vermag? Auch der jüdische Witz kennt die sonst beliebte Verwendung des Doppelsinns eines Wortes; jedoch ist seine Anwendung fast nie Selbstzweck, sondern sie dient einer anderen Technik, die wir als die eigentliche des jüdischen Witzes bezeichnen dürfen, der Technik der Verschiebung. Gemeint ist die unvermittelte Verschiebung des Gedankengangs — meistens des Gesprächspartners — auf ein anderes Sachgebiet oder eine andere Ebene als die des angeschnittenen Themas, die in der Regel darin besteht, daß der eine Partner eine formale Eigentümlichkeit einer Redewendung des Gegners zum Anlaß nimmt, einen entgegengesetzten Gedankengang daran zu knüpfen. Daß diese Verschiebung eine der Denkformen des talmudischen Lernens ist, hat Ernst Simon in seinem erwähnten Aufsatz dargetan: es ist die Logik der sogenannten „Hagupha" beim Toralernen. Daß ferner die Technik der Verschiebung ein spezifisches Merkmal gerade des jüdischen Witzes ist, mag u. a. daraus hervorgehen, daß alle Beispiele, die gewöhnlich für die Technik der Verschiebung angeführt werden, jüdische Witze sind, und daß andererseits die Mehrzahl der jüdischen Witze diese Technik aufweist. Sinn der Verschiebung, die im Gegensatz zum Wortspiel nicht nur mit den verschiedenen Bedeutungen des gleichen Worts spielt, sondern stets eine Verlagerung des Gedankengangs herbeiführt, ist, kurz gesagt, das gewollte Mißverständnis. Die Methode der Verschiebung zeigt die mannigfaltigsten Formen. Eine solche Verschiebung des Inhalts auf das Gebiet des Beweisthemas selbst bietet der Witz vom Pferdekauf. Ein Jude preist dem andern einen Gaul an: „Wenn du nachts um zwei in Prag wegreitest, bist du morgens um fünf in Reichenbach." — „Was soll ich morgens um fünf in Reichenbach?", antwortet der andere. Zu den besten der jüdischen Witze gehören diejenigen, in denen das Gesprächsthema plötzlich von der intellektuellen auf die moralische Ebene, oder umgekehrt, verschoben wird. So der folgende Schmugglerwitz: Ein Jude fährt in der Eisenbahn von Deutschland nach Polen mit 7.\vei Säcken im Gepäcknetz. Bei der Zollkontrolle fragt der Beamte nach dem Inhalt des einen Sackes, und der Jude gibt an, daß er einen Hasen im Sack habe. Der Beamte läßt den Sack öffnen und überzeugt sich, daß tatsächlich 546