Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Studie über den jüdischen Witz
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 545 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Werner Eiiinger: Studie über den judischen Witz Die Besonderheiten des jüdischen Witzes, der sich im Thema mitunter nicht von dem Thema eines nichtjüdischen Witzes unterscheiden mag, und dessen jüdische Eigenart trotzdem außer Zweifel steht, lassen sich nicht auf einen Generalnenner bringen, mag dies auch noch so oft versucht worden sein. Die Bestimmung des spezifischen Charakters jüdischen Witzes erfordert eine Abgrenzung des jüdischen Witzes vom nichtjüdischen einmal nach dem Stoff, dann nach der Form, d.h. der Technik und der Einkleidung, und schließlich nach der Absicht oder dem Sinn des Witzes. Der Stoff des jüdischen Witzes, sein Thema, ergibt sich überwiegend aus einem soziologisch geschlossenen Lebensraum. Der Jude des Witzes ist in der Regel der Ostjude, auch wenn er im westeuropäischen Gewände auftritt; und der Schöpfer des jüdischen Witzes ist ebenfalls der Ostjude. Das Verständnis des jüdischen Witzes erfordert daher die Kenntnis der soziologischen Struktur des ostjüdischen Milieus und der ostjüdischen Lebensgewohnheiten. Es ist das Verdienst des Herausgebers einer der besten Sammlungen ostjüdischer Schwänke, Immanuel Olswangers, daß er seiner Sammlung „Rosinkess mitMandlen" eine ausgezeichnete Einführung in die Struktur des weltlichen und religiösen Lebens des Ostjudentums vorausgeschickt hat. Auf die Wiederkehr religiöser Denkformen im jüdischen Witz hat schon Ernst Simon in einem Aufsatz zum Problem des jüdischen Witzes1) hingewiesen; er führt die Fähigkeit des Juden, im gleichen Wort viele Bedeutungen zu erkennen, auf die Übung zurück, aus einem unpunktierten hebräischen Text die richtige Form unter den mannigfach möglichen herauszulesen. In der Tat finden wir im Witz manche der talmudischen Beweismethoden wieder, und die Sinngebung, die das talmudische „Lernen" der Betonung und der Vortragsweise eines Textes verleiht, führt der Witz, in dem sie wiederkehrt, ad absurdum, wie dies beispielsweise in den bekannten Wendungen: „Ich weiß viel!" als Ausdruck des Nichtwissens oder bei der vom Witz verspotteten ewigen Gegenfrage des Juden der Fall ist. Daß diese uns eigentümlich und als wissenschaftliche Denkform fremdartig berührende Form der Gedankenführung so weit ins alltägliche Leben des Ostjudentums reicht, daß der Witz sich ihrer als Objekt zugleich und als Methode bemächtigt, läßt sich nur aus der Intensität erklären, mit der das Talmudstudium sich dieser „Verschiebungen" des Gedankengangs bedient. *) Bayerische Israelitische Gememdezeitung. Jahrg. 1928, Nr. 20. 545