Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 543

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Der Gezeichnete
Date
1936-03-01
Page
543 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895551-2905818--08659-2905869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Gezeichnete Aber sie beruhigte sich nicht und sprach tagelang kein Wort mit ihm. Und auch von den andern bekam er keine Ansprache mehr von nun an. Alle wichen ihm aus, weil sie ihn schuldig sprachen an dem geheimen Drohen des Schicksals, das sie ob der Avere, der großen Sünde, über sich fühlten. Denn es ist so, daß die Vielen sich nie die eigene Schuld eingestehen und sie abzuschieben suchen auf den, der sich von ihnen unterscheiden muß, weil sie des Mit-Leids um ihn vergessen und nur die gemeinsamen leeren Worte sprechen, als seien sie Tat; und weil die Menschen nur ihres eigenen Wesens Maßstab an das der andern legen können, und so müssen die Guten leiden durch die Niedrigen. So trieben sie ihn noch mehr in die Einsamkeit, und während sie ihn zuvor verspottet hatten und wohl über ihn unwillig gewesen waren, war er ihnen jetzt eine Last und ein Anstoß im täglichen Leben, ob sie ihm begegneten oder nicht. Und gar das Spottlied hörte er nicht mehr, das wurde ihm eines Tages bewußt; denn der Parnes hatte verboten, es ihm nachzusingen und ihm auch nur so zu zeigen, daß man noch auf ihn achtete; und als ihm einmal auf einem engen Feldweg, der sich um das Dorf zog, Gela entgegenkam, drehte sie sich um und eilte zurück. Er ging nur durch die Hintergasse und vermied es selbst, ihnen zu begegnen. Und auch rings bei den Bauern fühlte er bald eine Wandlung; das war so, weil man ihnen, die treu in ihrem eigenen Glauben waren, gesagt hatte, er habe dem heiligen Gesetz sich geweigert. Nur der und jener von ihnen gab ihm Aussprache, wenn er zu ihm kam in Hof und Stall und auf dem Feld. Oft saß er bei einem Nachbarn, dem Büttner, im Stall, ohne zu sprechen und schaute auf das Vieh, die Kühe und die jungen Kälber, wenn sie bei der Fütterung das frische Gras und das Heu aus den Raufen zogen und langsam malmten. Da wurde er ruhig. Der Bauer wußte um ihn und ahnte sein Geschick, weil er selbst dem Wesen des Lebens nahe war. Der Sommer versank; die zweite Mahd war untergebracht in den Scheunen des Dorfes, und auf den Stoppelfeldern ernteten Das Februarheä enthielt u. a.: Lösung der Judenfrage f Frilz Heinemann, Urformen des jüdischen Geisies M.Y. ben Gavriel, Die Araberfrage Im Aprilhefi schreiben u. a.: Kraftlinien der Wanderung / Ilse Abramczyk. Iüdische Gegenwart u. hellenisches Erbe / M.Y. ben Gavriel, Wunsch nach Tomaten (Novelle) 543

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.