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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 542

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Der Gezeichnete
Date
1936-03-01
Page
542 (sequence 6)
Language
German
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Jakob Picard Der Chasan betete und sang, und die Kehilla betete und sang mit. Oben, unsichtbar, standen die Frauen, alt und jung, in den schwarzglänzenden Scheiteln unter den Schleiern, leise vor sich hinbetend und der Führung der Stimme ihrer Männer unten folgend, die eine jede aus dem Chor heraus erkannte. Die Thora wurde ausgehoben aus der heiligen Lade, und aufgerufen wurden die Männer. Einer nach dem anderen kam, Rischaun, Scheini, Schelischi, Revii; und schließlich war es so weit, daß die Tauchocho gesagt werden mußte. Die Frauen hoben plötzlich die Köpfe. Wie lange blieb es still unten? Aber auf einmal wurde es laut. Die vorne am Gitter stehenden Frauen sahen, wie sich die Männer unten umdrehten, erst mehrere, dann alle; und alle blickten nach der letzten Reihe dem Ausgang zu, wo Sender stand und vor sich hinschaute, den Tallis über den Schultern, ohne sich zu bewegen. Da rief zuerst einer: „Sender!" Aber der rührte sich nicht. Und wieder einer: „Sender!", und dann mehrere; und schließlich war ein Rufen in der SchuP:„Sender, geh bei! Geh bei, Sender!" Und immer wieder, und „Ein, ein!" Sender blieb ruhig und stumm und unbewegt durch ihre laute Forderung, sein Opfer für sich zu verlangen, obwohl sie ihn verachteten, und noch die Weihe des heiligen Raumes zu stören. Alle hatten sich nach ihm umgedreht, schauten auf ihn und fühlten und fürchteten. Und die Frauen oben auf der Empore drängten sich zusammen nach vorne, um zu sehen, was sich begab. Sender rührte sich nicht. Und kein anderer brachte es über sich, an seiner Stelle die Berocho zu dieser Parsche zu sagen. So blieb an diesem Tag die Parsche Tauchocho ungesagt; und sie fürchteten, daß es als eine Avere schwer auf der Kehilla lasten bleiben werde. Bedrückt verließen alle das Haus Gottes, als eingehoben und jedes Gebet gesagt war. Die Sonne schien in mailicher Wärme über den Häusern. Aber den Menschen war es, als läge ein düsterer Schleier über dem Tag und ihrem Leben. Wie konnte das beseitigt werden, was geschehen war? Sender verließ als letzter die Schul. Draußen standen noch einige. Böse Worte riefen sie ihm zu. Und keiner schloß sich ihm an, als er langsamen Schritts nach der Hintergasse zu dem Häuschen ging, das im Schatten lag. Aber aus dem Schwalbennest unterm Dach über der Tür zwitscherten mit gelben Schnäbeln junge Vogelköpfchen. Als er eintrat, saß die Schwester Rivke weinend, noch mit dem Schleier über dem Kopf, und erwiderte nicht sein „Gut Schabbos". Sie weinte, als sei ihr jemand gestorben. „Rivkele", sagte er, „sei nit bös! Das hab ich tun müssen. Schern jisborach wird mer's mochel sein und verzeihen. Er sieht alles, wie es ist in Wahrheit." 542

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