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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 544

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Der Gezeichnete
Date
1936-03-01
Page
544 (sequence 8)
Language
German
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Jakob Picard: Der Gezeichnete die schwarzen Raben den Rest der Frucht und schrien schon die Klage des Winters, und das letzte karge Obst der Holzapfelbäume war geerntet. Wolken und Nebel kamen nach den ersten herbstlichen Dauerregen; und wenn sie zeitweise von der Kuppe gewichen waren, die sie jetzt fast stets bis herunter verhüllten, wobei sie Nässe über Wiesen und Äcker ließen, so rauchten die Kartoffelfeuer bläulich da und dort in trüben Fahnen über die Flur. Bald würde es vorbei sein mit der Zuflucht, die die Erde und ihr Wachstum dem Einsamen geboten hatten... Eines Tages aber ging es wieder im Dorf herum, Sender sei abermals nicht mehr da; seit zwei Tagen sei er nicht mehr heimgekehrt. Wie eine Schuld begann es schon wieder um ihn auf allen zu lasten; doch wurde es ihnen nicht klar, was es war, das sie drückte. Rivke war jetzt nicht mehr die stille, die Mitleid heischte; sie schalt, lief wirren Haares umher und beschuldigte. Nach einer Woche etwa erzählte der Knecht beim Büttnerbauern, der Konrad, er habe den Verschwundenen oben auf dem Berg von weitem gesehen — bestimmt sei er es gewesen —, wie er um den großen Nußbaum der Haldenwiese im Kreise gegangen sei, immer im Kreise, und dazwischen den Stamm und die Rinde gestreichelt habe wie ein Lebendiges, das zu ihm gehöre; aber sobald er sich ihm habe nähern wollen, habe der sich gewandt und sei barhaupt und wie gehetzt nach dem nahen Buschgehölz entlaufen. — Nie haben sie wieder von Sender Frank in jener Gegend etwas gesehen. Man hat die Gehölze ringsum weithin abgesucht; man ließ in dem Ort, von dem er das Jahr zuvor heimgekehrt war, nach einiger Zeit nachfragen; doch alles ohne Erfolg. Nur viele Jahre später — Rivke war längst gestorben und Gela weit ins Preußische hinein an einen Pferdehändler verheiratet, und die Kinder, die ihm einstens jene Spottverse nachgerufen hatten, waren Erwachsene und hatten wieder Kinder — ging ein Gerücht, in Amerika, wohin sie jetzt mit den Dampfschiffen fuhren, habe ein Jude namens Alexander Frank, der aus Deutschland stamme, unermeßlichen Reichtum erworben als ein Fabrikant in edlen farbigen Tuchen. Aber das blieb sehr ungewiß; denn ein andermal hörte man, in einer großen östlichen Stadt, wo sie noch treu wie einst am Väterglauben hingen, lebe ein alter Rav, der weise sei über alle und viel Gutes tue, und der trage jenen Namen, den sie über das Jahrhundert hin nicht vergessen hatten, weil die Begebenheiten von einst immer von Geschlecht zu Geschlecht weiterberichtet wurden. Doch auch dies war nur ein Gerücht. So blieb es bestehen, was damals die Alten gemeint hatten: daß keiner sich dem Opfer entziehen dürfe, wenn die Gemeinschaft es fordere, und daß Sender gestraft worden sei, wie es die Parsche Tauchocho dem Volke des Herrn, gelobt sei er, androht für alle Zeit. 544

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