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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 541

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Der Gezeichnete
Date
1936-03-01
Page
541 (sequence 5)
Language
German
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Der Gezeichnete an den Häusern entlang, und fühlte sich wie nie als ein Fremder in der Heimat. Das war es; das war die Schuld! Niemals würde er es von sich tun können, immer blieb er damit behaftet, wenn er sich nicht selbst half. Und als er am nächsten Tag, da er ein wenig über Feld wollte, um sich zu vergessen, Gela auf der Dorfstraße zufällig begegnete und sie an ihm vorbeischaute, als habe sie ihn nie zuvor gesehen, schmerzte es ihn zwar innen, doch nahm er es als notwendige Schickung, bis er das Schicksal bezwungen haben würde. Ein Aufbäumen war in ihm; doch wußte er noch nicht, wohin er sich wenden und woher ihm Hilfe kommen werde. Die Jomtof-Tage gingen vorbei. Alles war nun grün im Land, der Eichenwald nahe dem Dorf und die steinigen Haferfelder; der Raps zog sich in breiten gelben Streifen die Hänge hinan; die Schlehenbüsche standen in weißen Blüteninseln, und bald trugen die Holzapfelbäume den rötlich-weißen Blust. Sender sah es. Aber schon wuchsen auch die unnützen Nesseln an der Mauer des Hauses dicht in hohen Stauden. Allabendlich gingen jetzt die jüdischen Männer gegen die Dunkelheit zum Omern in die Schul; von allen Seiten aus den Gassen kamen sie eilends herbei, und es schien ihnen wie jedes Jahr, wenn sie des Anlasses dieser besonderen Gebetsstunden gedachten, als seien sie auf der Flucht vor dunklen Gewalten ringsum, die immer sie bedrohten wie ihre Vorfahren einst vor tausend Jahren. Sender auch war jedesmal dabei, innerlich bedrückt in einem doppelten Sinn. Selten sprach einer aus der Gemeinde mit ihm, da sie ihn nun auch für überheblich hielten zu allem andern hin. Es kam der Schabbos Bechukkaussai, da man die Parscha der Segnungen und der Flüche sagt, wie wir gehört haben. Und alle waren nun froh, daß Sender zu diesem Tag wieder da war; denn es schien ihnen selbstverständlich, daß er sich wie von je dem Dienst der Gemeinde weihen werde, jetzt, da der alte Schlaume im Spätsommer gestorben war, den man letztes Jahr, obwohl er kaum mehr sprechen konnte, notgedrungen noch einmal hatte dazu rufen müssen; wobei sie aber wohl gefiihlt hatten, daß das nicht ein Gott wohlgefälliges Beten sein konnte von einem, der nicht ganz bei Sinnen war. Und Sender stand ihnen ja nun noch tiefer aus all den Gründen, die geschehen waren seit seiner Rückkehr und früher. Ein heiterer Frühsommertag war es; an den Gartenrändern blühte der ganze Blumenrausch dieser Jahreszeit mit ersten Moosröschen, mit Pfingstrosen und spätem Flieder; ein Schabbos in all seiner Ruhe, wie es sich gehört, war angebrochen, dessen festliches Licht im Gegensatz stand zu der schweren Sidra, die es sie, wie überall, nach dem heiligen Gesetz zu lesen traf. Bald aber würde Schowuaus, das frohe Fest der Offenbarung sein... 541

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