Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Der Gezeichnete
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 540 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Picard säumt hatte. Doch schnell wies Sender diese Gedanken wieder aus sich fort als einen Frevel. Aber bestand nicht die Aussicht, daß neue Gesetze kamen, da man von Bürgerrechten und Gleichheit sprach schon all die Jahre, und daß so die Fessel des Heiratsverbotes für ihn fiel? Er würde mit Gela sprechen. Der Alltag kam wieder und sie harrten auf den Frühling, wenn er auch hier im gebirgigen Land noch lange auf sich warten ließ. Aber schließlich begannen die Peßachvorbereitungen, und die Frauen hatten viel zu tun im Haushalt mit Putzen und Kaschern. So war es schwer für Sender, die Gela zu einer Aussprache zu treffen. Auch hatte er doch manchmal Zweifel über ihre Antwort, die er so sehr ersehnte. Wohl wußte er, was sie ihm erwidern konnte; aber war es nicht vielleicht möglich, Befreiung zu erhalten von der schweren Bestimmung jenes Gesetzes? Immer wieder sagte er es sich. Und konnte nicht Gela, wenn sie sich ihm nicht weigerte, mit ihm und der Schwester zusammen in dem Häuschen wohnen? Platz war wohl genug. Er würde es gut herrichten lassen, innen und außen; das würde ihm der Schäfer-Karl, der in der Zeit, da die Schafe nicht draußen waren, das Maurerhandwerk übte, für geringen oder gar ohne Lohn gewiß richten. So träumte er all die Wochen hin. Währenddem aber hatte es ein Gerede im Dorf gegeben um ihn und das Mädchen, wie es vorauszusehen war nach jenem Vorfall am Purimabend. Er selbst spürte davon zunächst nichts, weil man, wie es so ist, nur hinter ihm hersprach. Doch Gela litt darunter. Zuhause machten Eltern und Bruder ihr Vorwürfe, und die Freundinnen spotteten; und das Mädchen wurde um so unwilliger, als sie nie daran gedacht hatte, sich dem Sender zu verbinden, und damals nur aus einem unbestimmten Erbarmen, aus Rachmones, wie sie sagte, ihm scheinbar ein Gefühl gezeigt hatte. Sie wich ihm aus. Und als Sender am zweiten Peßachtag vor dem Maariv- Gottesdienst in Jomtof-Kleidern an der Ecke der Obergasse, wo der Torbrunnen stand, an den Steintrog gelehnt, auf sie wartete, weil er wußte, daß sie dort vorbeikommen werde auf dem Rückweg von ihrer Freundin Channa Löb, und sie kam, so sprach er sie in der Dämmerung an in seinem großen Vertrauen. „Gelele", sprach er, „derf ich mit dir geh'? Ich hab der viel zu sagen." Sie aber, ihn erkennend, ging schnell zu, ohne ihn weiter anzuschauen, und sagte: „Loß mer mei Menuche endlich!" Und als er schon wie geschlagen zurückblieb: „Soll ich verflucht sein mit dir?" Da blieb er stehen. Stumm dachte er: Verflucht? Verflucht alles, was mich trifft. Wie betäubt und gelähmt ging er abwärts, 540