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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 539

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Der Gezeichnete
Date
1936-03-01
Page
539 (sequence 3)
Language
German
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Der Gezeichnete Sie verstanden nicht, was er damit meinte und redeten durcheinander. Er aber drehte sich um und ging hinaus, nicht gebeugt, sondern aufrecht und fast stolz. Da folgte ihm Gela, wie getrieben von Unsichtbarem. Aber in Wirklichkeit war es immer noch Mitleid, das sie plötzlich mit seiner Einsamkeit gefühlt hatte; auch wurde sie von einem unklaren Empfinden zu ihm, dem Sonderbaren, getrieben, der einen anderen Weg ging als die alle im Dorf. Und sie fühlte vielleicht in ihrem Schicksal ein Gemeinsames, weil ihr Knas, ihre Verlobung mit dem Eisig Stein aus Laudenbach zurückgegangen war und weil man über sie wie über Sender geredet hatte. „Komm' wieder rein, Sender. Laß' sie reden." Doch folgte er ihr nicht, sondern sagte: „Nein, nit mehr. Du kannst ja mit mir geh', wenn dir was dran liegt, Gelele!" Aber da erkannte Gela, daß sie zu weit gegangen war und ihr Tun mißdeutet werden konnte, daß es ja auch keinen Sinn hätte, selbst wenn sie Sender lieben könnte, denn er war ja kein Familiant. Sie kehrte in die Wirtsstube zurück. „Oi, oi", tönte es ihr dort von den anderen entgegen, die durch die Fenster geschaut und gesehen hatten, was sich da anscheinend begab; und einer rief: „Derf mer Massel tov sagen?" Ihr Bruder, der Josel, ging ihr entgegen und sagte, so daß es jeder hören konnte: „Was fallt dir ein, dem Chaddes nachzulaufe? Ich wer's em Vater sagen!" „Der ist so viel wie ihr alle!", erwiderte sie; nicht sowohl weil sie ihn in Schutz nehmen wollte, als trotzig, weil auch sie selbst sich in einem Gegensatz fühlte zu ihnen allen... Als Sender zur Schwester kam, die solchen Festen längst ferne blieb, spürte sie unmittelbar aus seinem Wesen, daß etwas geschehen sei. Er setzte sich schweigend an den Küchentisch und stierte wortlos auf die zerwaschene und zerrillte Platte. Rivke fragte: „Was host de scho wieder?" Doch antwortete er nicht. Sie setzte ihm einen irdenen Teller, belegt mit einem großen, in vielem Fett dunkelbraun gebackenen Fladen hin und sagte, als ob sie alles wisse: „Ach, loß sie reden, Senderle, und eß\ Scheene Purimküchle!" Er lächelte vor sich hin, legte seine Hand auf die ihre, die sich neben ihn auf den Tisch stutzte, und aß. „Warum gehst auch zu ihne?" „Ich will's ihne zeige. Sie solle sehe! —" Nein, nun blieb er hier, mußte er hier im Dorf bleiben. Wie durfte er Gela nun alleine lassen, die an ihm hing, so wie sie es ihm gezeigt hatte! Etwas mußte geschehen, um es ihm zu ermöglichen, sie zu heiraten. War es nicht möglich, daß sein Bruder bald starb? Immer hustete er; und er war kinderlos geblieben! bis jetzt wie zur Strafe dafür, daß er die Pflicht des Blutes ver- 539

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