Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Die Bibel als Erzähler
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 534 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber Erzählung von dem zum Sterben gefesselten Knaben Jizchak, sondern auf irdischem Weg, wie Gleich zu Gleich, tritt er ihr gegenüber und spricht ihr zu. Wunderlich klingt sein Zuspruch. Daß Ssara, die Herrin, ihre Magd „gedrückt hatte", als sie „in ihrer Hand" war (dreimal wird uns das Wort „Herrin", sechsmal das Wort „Magd" eingehämmert), war erzählt worden; „kehre zu deiner Herrin und drücke dich unter ihre Hände!" ruft der Bote nun Hagar zu. Aber er, der sich vom Himmel zur bedrückten Kreatur herniederwarf, darf es tun, und es ist nicht Sklavengesinnung, die er empfiehlt. Die letzte Wiederkehr des Wortstammes ana bringt den zuverlässigen Grund: „denn gehört hat ER deinen Druck". Kann man einen „Druck", das schweigende Bedrücktsein, hören, erhören? Gott kann es. Und zugleich spricht der Bote („Engel" pflegt man ihn zu nennen, aber das verdunkelt uns sein reines Botentum, auch ein Mensch kann Gottes Bote werden3)) ihr zu, um wessen willen sie sich unter die Hände ihrer Herrin drücken soll: sie wird einen Sohn gebären, wie ihr Herz ihn sich träumt, einen wilden, bogenmächtigen Beduinen, der, von Rand zu Rand der Wüste sprengend, leichter Hand die ermühten Ernten des Seßhaften raubt und so „all seinen Brüdern", einem nach dem andern, „ins Gesicht Wohnung macht"; am Schluß der Genealogie Jischmaels und damit am Schluß der ganzen Abrahamsgeschichte wird 25, 18 paronomastisch-gesteigert die Erfüllung des Versprechens festgestellt: „all seinen Brüdern fiel er ins Gesicht". Das Leitwort „hören" vermittelt zwischen beiden Hagarerzählungen (vgl. 21, 17); aber das Leitwort „sehen" vermittelt zwischen der Erzählung von Hagars Flucht und der nächstfolgenden Abrahamsoffenbarung, der Bundesoffenbarung (17, 1). Die Magd, zu der der namenlose Bote geredet hat, ruft Gott selber als den zu ihr Redenden mit dem Namen ihrer Erfahrung an: „Du Gott des Sehens!" Und sie begründet es in der staunenden Frage: „Sah auch wirklich ich hier / dem Michsehenden nach?" Wie Mosche in der Felsenschlucht (II. M. 33, 22 f.) „sieht" sie Gottes „Rücken" (das achare von I. M. 16, 13 klingt an das achoraj von II. M. 33, 23 an); seine Teilnahme an der Menschenwelt, sein Erbarmen, das sein Gericht beschränkt (II. M. 34, 6f.); sie sieht, daß Gott sie sieht. Größeres kann niemand sehen. „Darum rief man den Brunnen" (auch dieses Leitwort „Brunnen" vermittelt zwischen beiden Hagarerzählungen) „Brunn des Lebenden Michsehenden". Gott als der Erwähler Israels gibt Ssara recht; aber Gott als der Lebende Michsehende nimmt sich Hagars an. Diese Motivierung einer Namengebung gehört, wie alles dieser Art, dem Typus der Paronomasie im engeren Sinn, der sich ausdrücklich als solche vortragenden, an. Ihm verwandt ist der paro- 3) Vgl. Hag. 1, 13; Mal. 2, 7; 3, 1. 534