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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 528

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Jüdische Geschichtsauffassung
Date
1936-03-01
Page
528 (sequence 4)
Language
German
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Ludwig Landau sie vielen als ein vorzugsweise soziales, politisch-rechtliches Gebilde; die von ihr geleistete wirtschaftliche Arbeit verwischt den ursprünglichen Entstehungstatbestand. Sie erstand als religiöse Gemeinde im babylonischen Exil, nicht als gewollte Institution des autonomen jüdischen Volkes im eigenen Lande. Sie ist nicht erdacht worden, sondern wurde aus innerem Zwange geschaffen, aus dem Willen, das eigene, das nichtbabylonische, das jüdische Sein zu erhalten. Wie immer im Leide trieb es den jüdischen Menschen damals zum jüdischen Menschen. Dieses Zusammen- und Miteinandersein-Wollen ist Manifestation der jüdischen Seele, nicht irgendwelcher gesellschaftlicher oder politischer Vernunft. Das religiös fundierte Gefühlshafte ist das Schöpferische, und die gleichen Energien führen zunächst zum gemeinsamen Aussprechen innerer Monologe, zum persönlichen Gebet; der einzelne jüdische Mensch stellt sich selbst in den Mittelpunkt des Gottesdienstes. Zwischen dem erschütternden Selbstgespräch eines Jeremia, Kap. 20, 14—18 und der Klage der verbannten Juden, Psalm 137, 1—6 oder dem Psalm 126 besteht kein grundsätzlicher Unterschied. Der Übergang zum Gebet, zum Dialog ist in den beiden Psalmen noch deutlich zu erkennen. Aus der religiösen Versammlung wird die religiöse Gemeinschaft, die Religionsgemeinde, die bis heute, trotz des Hinauswachsens aus dem ursprünglichen Bereich auf neue Wirkensgebiete, immer „heilige Gemeinde" geblieben ist. Buber zeigt in der „Deutung des Chassidismus", wie die Liebe des Zaddiks sich an drei „Kreisen" bewährt. Diese drei „Kreise", ursprünglich Ausdrucksform einer religiösen Bewegung, werden dann soziale Phänomene, gesellschaftliche Gebilde, die schließlich die Dynastie manchen Zaddiks tragen und im Kampfe mit dem Rabbinismus als gesellschaftliche Machtpositionen sich erweisen. Auch hier ist jüdische Geschichte Geschichte des jüdischen Menschen — keine soziologische oder nationale Geschichtsauffassung kann das Werden dieser beiden spezifisch jüdischen Existenzformen erschöpfend deuten. Die Analyse der irrationalen Kräfte der jüdischen Einzel- und Kollektivpersönlichkeit ergibt die besondere Bedeutung der religiösen Idee für die jüdische Daseinsgestaltung. Geistige, ökonomische, nationale, soziale, von außen her wirkende politische Faktoren können gleichgeordnet und gleichgewertet den Weg einer Gemeinschaft bestimmen, sie können sich gegenseitig beeinflussen, einander zurückdrängen, sie können sich auch einem einzigen bevorzugten Prinzip unterordnen. Heroische Ideale erziehen das Volk und den Einzelnen zu andern Geschichtsträgern als etwa das Ideal einer ökonomisch gerechten Lebensordnung oder einer vom Ethischen und Religiösen bestimmten Menschengemeinschaft. Der jüdische Mensch hat immer, sowohl in der vorgeschichtlichen unplastischen Zeit wie später, als er auf eigenem Boden zwischen 528

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