Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 527

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Jüdische Geschichtsauffassung
Date
1936-03-01
Page
527 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895551-2905816--08640-2905853
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdische Geschichtsauffassung haltes sind sekundärer Art. Die Fülle des Lebens ist, ob es sich um antikes oder modernes, um aschkenasisches oder sephardisches Judentum handelt, das geschichtsbildende Element. Die Dynamik inneren Seins setzt sich in sichtbare Bewegung um, in Bewegungsformen auch sozialen Gehaltes, auch gesellschaftsorganisatorischer Gestalt. Was hier gemeint ist, sei gerade an Dubnows Musterbeispielen verdeutlicht. Baeck behandelt die Geschichte der „Pharisäer" von der hier vertretenen Geschichtskonzeption aus, freilich nicht in ihren vollständigen Auswirkungen. Es wird die „seelische Einheit im Erleben von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" aufgedeckt, in dem „das Religiöse zur bestimmenden Kraft geworden ist". Pharisäertum ist nicht „Partei, sondern Bewegung". Bewegung hat innere Mächtigkeit, inneren Druck, Bewegung geschieht in sichtbarem Ausdruck. „Das Pharisäertum ist der heldenhafte geistige Versuch, dem Staate nicht in der Staatsräson, sondern im Gottesgesetz seine Maxime zu geben, . . ihn, wie Josephus es richtig bezeichnet hat, als ,Theokratie', als Gottes Herrschaft zu gestalten." Weil die reale Wirklichkeit nach diesem doch eigentlich unwirklichen Bilde geformt werden soll, deshalb kommt es zu Konflikten mit den herrschenden Gesellschaftsmächten, dem hasmonäischen Fürstentum und dem sadduzäischen Priestertum. Sie sind notwendige Folgeerscheinung, nicht aber Ursachen irgendeiner religiösen oder rituellen Nebenerscheinung, wie Dubnow meint, der hier in die von ihm abgelehnte materialistische Geschichtsauffassung hineingerät. Der pharisäisch gesinnte Jude, für den wie für jeden antiken Menschen das Religiöse zugleich das Nationale ist, für den ein vom Religiösen abstrahierbares Nationales im modernen Sinne gar nicht verständlich ist, wollte sich als totaler Jude erleben, nicht nur in seiner inneren Wesenheit, sondern auch in seinem sozialen und nationalen Dasein. Ebenso verhält es sich in Umkehrung bezüglich der Dubnowschen Beurteilung der Lehrhausgründung von Jabne. Nomokratie heißt nicht, wie Dubnow übersetzt, Verwaltung mittels der Autorität des Gesetzes, sondern gerade Herrschaft der Autorität des Gesetzes selbst. Sie schafft sich eine Art Verwaltungsorganisation, um mittels dieser in die Herzen und Gehirne der Menschen hineinzudringen. Geschichtsbildend war das Lehrhaus, nicht weil es irdisches Verwaltungszentrum war, sondern weil es eben Lehrhaus, Haus der Tora war. Die „Weisung", d. h. letzten Endes sich selbst, galt es zu verwirklichen, und Rabbi Jochanan war kein Verwaltungsdirektor, sondern ein „Weiser". Noch an einem letzten konkreten Beispiel sei die hier vertretene Geschichtsauffassung zu erläutern versucht. Die Gemeinde ist eine der bedeutendsten Schöpfungen aller Zeiten. Heute erscheint 527

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.