Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Jüdische Geschichtsauffassung
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 526 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895551-2905816--08639-2905852- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Landau stärker in Erscheinung, je weniger es auf Geschichtsbeschreibung ankommt, vielmehr auf die Erarbeitung einer einheitlich konzipierten jüdischen Geschichtsauffassung, eines geistigen Prinzipes, das für alle Epochen jüdischer Geschichte in allen Räumen für alle territorialen Sondergruppen in allen ihren Lebensäußerungen „richtig" wäre. Die jüdische Geschichtswissenschaft kennt nach Dubnow eine theologische, eine teleologische (Providentielle Missionsaufgabe des Judentums in der Galuth), eine spiritualistische (Zunz-Graetz: Jüdische Geschichte als Geistes- und Leidensgeschichte) und die soziologische oder nationale Geschichtsauffassung (Dubnow). Dubnow geht davon aus, daß „das jüdische Volk in allen Zeiten und in allen Ländern, immer und überall, ein Subjekt, ein Schöpfer seiner Geschichte, nicht nur auf dem geistigen, sondern auch auf dem Gebiete des sozialen Lebens überhaupt war". Von dieser Auffassung aus kommt er beispielsweise bezüglich der Pharisäer und Sadduzäer zu dem Ergebnis, daß „die religiösen und rituellen Meinungsverschiedenheiten nur eine Nebenerscheinung des tiefgründigen nationalen und sozialen Widerstreites der beiden Parteien" waren, oder daß mit dem Lehrhaus in Jabne durch Rabbi Jochanan ben Sakkai nicht eine Lehranstalt errichtet wurde, sondern ein „Zentrum der Nomokratie, ein Zentrum der Verwaltung mittels der Autorität des Gesetzes". Wie man sich zu dem Gelehrten- und Parteienstreit über die Begriffe jüdisches Volk und Nation auch stellen mag, in jedem Falle sind Dubnows Formulierungen nicht eine Lehre der jüdischen Geschichte, sondern eine Forderung an sie. Träger des jüdischen Schicksals ist der jüdische Mensch, wo und wann immer er gelebt hat, gelöst von eigenem Land und eigener Organisationsform, hineingestellt in fremde Staatlichkeit und Wirtschaft, gegenübergestellt fremder Kultur und Gesellschaft, vielfach unterworfen anderem Willen — der jüdische Mensch, dessen Seelentum geformt war, als er sich vor fast zweitausend Jahren des eigenen Willens über sein äußeres Schicksal begeben mußte. Jüdische Geschichte ist die Geschichte des totalen jüdischen Menschentums, aller im Einzelnen und in der Gemeinschaft wirkenden Kräfte, des religiösen, sozialen, volkhaften, kulturellen Wollens, der ganzen jüdischen Substanz, die sich verschiedene äußere Gestaltungen gegeben hat, aber bei allem Gestaltwandel dem innersten Kern nach dasselbe jüdische Menschentum blieb: ob es Prophetentum, Chassidismus, Pseudomessianismus, Marranentum oder emanzipiertes deutsches Judentum, ob es Jeremia, Uriel Acosta oder Gustav Mahler hieß. Diese menschlich-wesentlichen Kräfte, diese geprägte innere Form sind das Gesetz, das jüdisches Schicksal bestimmt hat. Die nach außen sichtbaren Willensverwirklichungen sozialen, gesellschaftlichen oder politischen In- 526