Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Jüdische Geschichtsauffassung
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 525 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Landau: Judische Geschichtsauffassung Jüdische Geschichtsschreibung steht vor besonders schwierigen Problemen. Sie hat eine historische Wirklichkeit zu erfassen, die älter als die der alten Kulturgemeinschaften und die der modernen Völker ist. Das jüdische Geschichtsschicksal hat sich auf allen Räumen der Erde verwirklicht, es löste sich in geographisch begrenzte, voneinander vielfach unabhängige Gruppenschicksale auf. Es war Gesetzmäßigkeiten unterstellt, die grundsätzlich nicht die allgemeinen Elementargesetze geschichtlichen Werdens sind. Diese singulären Normen gab sich das jüdische Menschentum nicht aus eigenem Willen, sondern es mußte versuchen, als Objekt des Gestaltet-Werdens zugleich Subjekt des Sich-Gestaltens zu bleiben. Jüdische Geschichte ist nicht Geschichte des Erez-Israel genannten Landes. Palästina, das Philisterland, ist nur eines der Gefäße, in denen jüdisches Geschehen im Ablauf der Zeit sich zugetragen hat. Jüdische Geschichte ist auch nicht politische Staatsgeschichte, insbesondere auch nicht Geschichte von Dynastien. Daher hatte das eigentlich Politische für sie nur sinnbildliche Bedeutung. Die Geschichte der Könige ist, trotz der späteren Heroisierung und Idealisierung der Gestalt Davids, orientalische Geschichte mit Revolutionen, Palast- und Familienintrigen, Königsmorden, Prätorianerkönigen. Selbst die Hasmonäergeschichte ist ursprünglich nicht von der Glorie überstrahlt, die man ihr unter dem Einfluß abendländischen Nationalitätsgefühls zuerteilt hat. Wesentlicher ist die Geschichte der „Opposition", entscheidend ist, daß Männer wie Elia, Arnos, Jesaja, Jeremia oder ganze Volksbewegungen wie die Pharisäer gegen die regierenden Männer auftraten. Jüdische Geschichte ist auch nicht Geschichte von Kriegen, Staatsakten, völkerrechtlichen Verträgen, Klassenkämpfen oder Wirtschaftskrisen, wie die des alten Hellas oder Rom. Sie ist nicht Kirchengeschichte, nicht Geschichte von religiösen Dogmen, theologischer Literatur. Sie kennt keine jüdische „Gesellschaft", keine autochthone von Generation zu Generation tradierte, jüdische Lebensräume miteinander verbindende, als jüdisch erkennbare Kultur. So außerordentlich, so unschematisch, so singulär ist eben jüdische Geschichte, daß man die Frage, wer oder was denn eigentlich Subjekt der jüdischen Geschichte und damit der wesentliche Gegenstand einer einheitlich ausgerichteten jüdischen Geschichtsschreibung sei, zu beantworten sich immer wieder vergeblich bemüht. Das tritt um so 525