Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Ludwig Holländer
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 523 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Holländer mißdeutet werden, wenn wir dieses Ludwig Holländer so eng zugehörige Verfahren im Bewußtsein der durch mangelnden Abstand bedingten Unzulänglichkeit auch auf ihn anzuwenden versuchen. Man hat mancherorts in etwas billiger Weise seinen Tod als ein Symbol aufzufassen versucht, als ein Symbol dafür, daß mit diesem Manne auch seine Zeit gestorben sei. Es ist gewiß ein Bild von düsterer Großartigkeit, das damit hingestellt wurde — das Bild des Mannes, der so sehr Ausdruck seiner Epoche war, daß er sie nicht zu überleben vermochte. Aber es ist ein unjüdisches Bild und daher eines, das nicht dem toten Juden Holländer und nicht uns lebenden Juden gerecht wird, für die er dachte und arbeitete. Denn ebensowenig wie im zwingenden Wechsel des geschichtlichen Geschehens um uns her auch jüdische Epochen anheben und vergehen, so stark sich der Gestaltwandel der Außenwelt auch in unserer Eigenwelt spiegeln mag, ebensowenig ist es erlaubt, eilig und zweckvoll Schlußstriche zu setzen, wo in Wirklichkeit lebensvolle Entwicklung war. Es ist ein eigenartiges Verhängnis, daß sich die so geartete Kritik schuldhaft gerade dort mit Holländers Anschauungsweise verstrickt, wo vielleicht eine Schwäche lag. Denn auch Holländer, sonst immer abwägend und vergleichend, glaubte an seine Zeit als an ein Absolutes und Unwandelbares. Zu weit hatte er sich als junger Student dem Reichtum bester akademischer Kultur erschlossen, zu tief hatte er die Verwandtschaft jüdischer Tradition mit den Ideen der Menschlichkeit und Geistesbildung erlebt: er war ein fortschrittsgläubiger Humanist und dachte nicht an Abbruch und Umbruch. Seine Kritiker aber, die ihn um dessentwillen des Irrtums zeihen wollen, merken nicht, wie tief sie selbst darein verfallen sind. Gerade da, wo Holländer die Erkenntnis der Judenfrage mit einem eigenen Beitrag bereicherte, erweist er sich als ein vorwärtstreibender Denker und nicht als ein im ruhigen Schöße der Zeitmeinung Beharrender. „Warum sind und bleiben wir Juden?" — diese Frage stellte er immer wieder vor sich und die Menschen hin, die auf ihn hörten. Es war die Frage einer unsicher gewordenen Generation, einer Schicht, die zwischen Auflösung und neuer Bindung ihren beschwerlichen Weg suchte. Von den verschiedenen 523