Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Ludwig Holländer
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 522 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Holländer ihn die Köpfe bewegten, da spüren wir einen Grundton der Getragenheit, der Langsamkeit Nie — so oft er auch den Inhalt der Auseinandersetzung befruchtete — trieb er ihren Rhythmus vorwärts, nie folgte er dem hetzenden Tempo der Zeit. Weit eher legte er die bremsenden Zügel gründlicher Begriffsprüfung an, fragte nach dem wahren Sinn der gedankenlos hingeworfenen Worte und hob so unversehens die nach schnellem Schein haschende Tagespolemik hinauf in das ernste Sein der Wissenschaft. So mußte ihn die Art seines Fragens und Denkens von vornherein auf eine Betrachtungsweise hinlenken, wie sie dem „Morgen" seit seiner Gründung gemäß ist. „Dem geistigen Schicksal des Judentums in Deutschland zu dienen", „in den Sprach- und Auffassungsformen unserer Zeit wieder offenbar zu machen, was unsere Vorväter erfahren und festgehalten haben", vor der Gefahr zu schützen, daß „das Erbe der Väter zum verhallenden Nachklang der Vergangenheit sich verflüchtigt" — dieses Versprechen war im Jahre 1925, als die neue Zeitschrift mit ihm vor die jüdische Öffentlichkeit trat, noch keineswegs so selbstverständlich und „zeitgemäß", wie es uns heute vielleicht anmutet. Gerade weil es in den Reihen derer gesprochen wurde, die ihr Judentum in der angestammten Umwelt weiter leben zu können hofften, erklang es als ein Bewegung entfachender Aufruf zu neuer Vertiefung in die Urgründe unseres jüdischen Seins, als Flucht aus träger Beharrung und müdem Absinken. Ein solches Beginnen mußte von Ludwig Holländer mit ganzer Kraft bejaht werden. Im Inhalt: Dienst am Judentum auf der Grundlage seiner hier im Lande historisch gewordenen Prägung; in der Form: verantwortliches Ringen um Klarheit und Wahrheit — das waren die beiden Pole auch seines geistigen Seins. Einer Untersuchung über Moses Mendelssohn stellte einst Holländer dieses Wort Hermann Cohens voraus: „Das geschichtliche Begreifen erheischt das Prinzip, daß jegliches Individuum in einem gewaltigeren Sinne einer menschlichen Ordnung angehöre, als es selbst einzusehen vermag. Nur dann verstehen wir geschichtlich eine Erscheinung, wenn wir sie in demjenigen Zusammenhange begreifen, welcher ihr selbst verborgen bleiben muß." Es möge nicht als übereifriges Katalogisieren und vorschnelles Historisieren 522