Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Ludwig Holländer
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 524 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Holländer Antworten, die in den einzelnen jüdischen Lagern auf diese Frage gehört wurden, hat Holländer die unbequemste gegeben. Er sagte nicht: „Wir sind und bleiben ein Volk", und er sagte nicht: „Wir sind und bleiben eine Religionsgemeinschaft." Er wies die einfachen und geradlinigen Lösungen als unzureichend zurück, obgleich er wußte, daß es immer die klaren und leicht verständlichen Parolen sind, die die Massen an sich ziehen. Aber die Tagespropaganda — so hoch er sie einschätzte — war eben nicht seine Sache; er wich um ihretwillen nicht einen Fuß breit von seiner Überzeugung zurück. Die Menschen abseits von Geschichte und Religion, so formulierte er, auch die Losgelösten, auch die Atheisten „sind und bleiben Juden, weil sie in ihrem Innern den Wunsch nach Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft als Geistesgemeinschaft, als Schicksalsgemeinschaft, als Lebensgemeinschaft in sich tragen", weil sie als „Schicksals- und Stammesgemeinschaft" gebunden sind. Es war kein leicht zu benutzendes, auf Wirkung berechnetes Schlagwort, das er so prägte, aber vielleicht eine Begriffsbestimmung, die der tief im Gewirre vielfältiger Wirklichkeiten verborgenen Wahrheit am nächsten kommt. Ein unermüdliches Ringen um Wahrheit erfüllte sein Leben. Deshalb wich er keinem ihm noch so entgegengesetzten Gedankengang aus, der mit dem ehrlichen Anspruch auftrat, der Wahrheitsfindung zu dienen. Ja, fast kann man sagen: er näherte sich dem Gegner mit um so größerer Achtung und um so eifrigerem Bemühen, je weiter der Abstand des Standpunktes ihn von seinem eigenen trennte. Er kannte kein eifervolles Schwarz und Weiß der Meinungen, nie zwängte er Anerkennung und Ablehnung in die Schranken der Partei: er blieb dem Geiste verantwortlich, sonst keinem. In dieser geistigen Haltung bleibt Ludwig Holländer ein Vorbild für alle Generationen, die sich um die Gestaltung jüdischer Wirklichkeit bemühen. In ihr wies er über sich selbst hinaus in die überzeitliche Sphäre, in der es nicht Anfang und Ende gibt, sondern nur den ewigen Geist des Judentums. Daß Holländer seiner Zeit diente, bedeutet nicht die Ganzheit seines Wirkens: w i e er ihr diente im Suchen, Wissen und Irren, macht ihn zu einem Großen im Judentum. E. R.-J. 524