Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Betrachtungen über neuhebräische Dichtung
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 507 (sequence 3)
- Language
- German
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Betrachtungen über neuhebräische Dichtung Bedauerlicherweise ist aber bisher so gut wie nichts für eine Vermittlung der Forschungsergebnisse an das Volk geschehen. Nicht einmal eine gemeinverständliche Charakteristik und Geschichte der nachbiblischen Poesie alier Länder und Zeiten ist vorhanden, aus der der Laie seine ersten Kenntnisse über das unbekannte Gebiet schöpfen könnte. Denn die einzige Darstellung dieser Art, „Zur Geschichte der jüdischen Poesie", ein Jugendwerk des protestantischen Theologen Franz Delitzsch, ist vor gerade hundert Jahren (1836) erschienen und nur noch von historischem Wert: nicht bloß, weil in ihr die letzten 100 Jahre fehlen — eine für die hebräische Dichtung besonders wichtige Periode —, sondern auch weil die Schilderung der vorangehenden Perioden überholt ist. Zuverlässige Lehrbücher oder kommentierte Schulausgaben von Dichtungen aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert gibt es kaum; es fehlt auch an Lehrern, die diesem Gegenstande Liebe und Verständnis entgegenbrächten. So werden auch auf den Schulen Palästinas im wesentlichen nur Bibel und neuere Dichtung unterrichtet, während die Poesie des riesigen Zeitraumes, der zwischen beiden liegt, eine stiefmütterliche Behandlung erfährt. Eine bedeutsame Wendung in der Einstellung zu dieser Dichtung vollzog sich bezeichnenderweise bei Chaim Nachman Bialik. Selbst in einer Umgebung aufgewachsen, welche die ältere Dichtung ignorierte, teilte auch er in seiner Jugend oberflächliche Urteile über eine kaum bekannte Literatur. Doch es lag in seinem Wesen, unablässig zu lernen und umzulernen; und wie sein eigenes Schaffen eine fortwährende Entwicklung darstellt, so gab es auch in seinem Verhältnis zu den großen Kulturgütern der Vergangenheit keinen Stillstand. In seinen letzten Lebensjahren schämte er sich über die ungerechte Beurteilung, die er früher den spanisch-jüdischen Dichtern, auch in gedruckten Werken, hatte zuteil werden lassen. Allmählich ging ihm die Erkenntnis über den Wert dieser Dichter auf, und in seinem grandiosen Programm der „Sammlung" (des „Kinnus") bleibender jüdischer Werke sollten sie vornean stehen. Nachdem er durch die Aggada-Auswahl diese Literatur in weitesten Kreisen des Volkes, auch in solchen rein weltlicher Erziehung, wieder lebendig gemacht hatte, wandte er sich den Dichtern zu. Während der Kriegs- und Revolutionsjahre in Rußland, unter unsagbar schwierigen äußeren Bedingungen, widmete sich Bialik dem Studium und der Sammlung der Gedichte Ibn Gabirols; diese Tätigkeit setzte er in Deutschland und Palästina fort, und als ihre Frucht liegt die große dreibändige Edition dieses Dichters vor. Wie er wiederholt ausgesprochen hat, hielt er die Gabirol-Ausgabe für seine wichtigste Arbeit und wünschte ihr die weiteste Verbreitung. Tatsächlich ist es ihm auch zum erstenmal gelungen, für Gabirol einen Kreis außerhalb der eigentlichen Fachwissenschaft zu interessieren. Dieses Verdienst Bialiks wird 507