Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Betrachtungen über neuhebräische Dichtung
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jefim Schirmann ist vor allem dadurch bestimmt, daß diese zu einer Zeit entstanden ist, da das Hebräische keine Volkssprache im gewöhnlichen Sinne war; ihr geistiger Gehalt bildet den Niederschlag einer zweitausendjährigen Exilperiode. An Wert und Bedeutung kann sie gewiß nicht mit der Dichtung des Alten Testaments verglichen werden. Doch für sich allein betrachtet, weist sie eine derartig« Fülle des Schönen und Bleibenden auf, daß ihre gegenwärtige Mißachtung höchst bedauernswert ist. Die offizielle Literaturwissenschaft hat diese Dichtung zu allen Zeiten nur in bescheidenem Umfange anerkannt. Jedoch haben sich ihr schon die ersten und bedeutendsten Vertreter der „Wissenschaft des Judentums" zugewandt und die Grundlagen zu ihrer Erforschung gelegt; Männer wie Rapoport, Zunz, S. D. Luzzatto sind hier in erster Linie zu nennen, dann aber auch die zahlreichen Nachfolger, die sie unter den jüdischen Gelehrten gefunden haben. Ihre Tätigkeit hat keinen starken Wiederhall in weiten Kreisen des Volkes auszulösen vermocht. In West- und Mitteleuropa hat die schwindende Kenntnis des Hebräischen dazu geführt, daß hebräische Gedichte fast nur noch von Fachgelehrten gelesen wurden. Im Osten bildete die mangelnde Kenntnis der europäischen Sprachen ein starkes Hindernis für die Aufnahme und Verarbeitung der westeuropäischen Forschungsergebnisse, es fehlte aber auch an geeigneten Interpreten, die die rückständigen Volksmassen an die eigene Nationaldichtung hätten heranführen können. Kein geringer Schaden ist der Erforschung hebräischer Dichtung auch dadurch entstanden, daß H. Graetz' Geschichte der Juden im Original und in mehreren Übersetzungen eine größere Verbreitung als irgend ein anderes jüdisch-wissenschaftliches Werk gefunden hat; gerade Graetz hat die Minderbewertung der hebräischen Poesie verschuldet und ein verzerrtes Bild ihrer Entwicklung gezeichnet. Vereinzelte Versuche gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, hebräische Dichtungen aus dem Mittelalter zu popularisieren, scheiterten aus Gründen, die hier nicht dargelegt werden können. Die neueste Zeit, die im Zeichen eines außerordentlichen Aufschwunges der hebräischen Dichtung steht, hat auch zu einer starken Belebung der Forschung, vornehmlich der mittelalterlichen Dichtung geführt. Heinrich Brody schuf mustergültige Editionen zahreicher Dichter. Israel Davidson gab den „Thesaurus of mediaeval hebrew Poetry" heraus, ein unschätzbares bibliographisches Nachschlagewerk, in dem gedruckte Quellen für etwa 35000 hebräische Gedichte verzeichnet sind. Hauptsächlich diesen beiden Gelehrten ist es zu verdanken, daß heute eine stattliche Anzahl hebräischer Dichter des Mittelalters vorliegt. Und wenn auch die Editionsmethoden mancher Herausgeber den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Kritik nicht standhalten können, so ist mit den vorhandenen Texten doch Material für weitere Forschungen geboten. 506