Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Betrachtungen über neuhebräische Dichtung
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Emanuel bin Gorion auch nicht dadurch beeinträchtigt, daß in der Ausgabe Mangel an Akribie und wissenschaftlicher Schulung sich stark bemerkbar machen. Auch mit anderen Dichtern wie Schemuel Nagid und Mosche ibn Esra beschäftigte sich Bialik intensiv, doch konnten außer Gabirol nur noch zwei riefte des Ibn Esra in seiner Ausgabe erscheinen. Bei der ungeheuren Vitalität und Arbeitskraft Bialiks wäre es ihm sicher gelungen, noch weitere Kreise für die hebräische Poesie zu gewinnen, wäre er nicht so früh abberufen worden. Damit ist sein Werk unvollendet geblieben; denn es ist nicht zu leugnen, daß auch heute die Mehrheit der jüdischen Schriftsteller Bialiks Eifer um die alten Dichter mit einer gewissen Verlegenheit gegenübersteht. Aufgabe unserer Generation ist es, Bialiks Vermächtnis auch auf diesem Gebiete zu übernehmen. Das Bedeutendste in der hebräischen Dichtung aller Zeiten muß nicht nur in Fachpublikationen zugänglich, sondern wieder lebendig und zum geistigen Besitz weiter Volkskreise gemacht werden. Eine solche Popularisierung ist keine Tätigkeit untergeordneten Ranges; ernsthaft betrieben, ist sie wohl die schwerste Aufgabe, die Gelehrten gestellt sein kann. Emanuel bin Gonon: „Das siebenfache Licht"*) Selbstanzeige eines Lesebuchs für die jüdische Jugend Der Jude des deutschen Sprach- und Kulturkreises, der sich der Sprache und des Schrifttums, mit denen er aufgewachsen ist und an denen er gebildet wurde, nicht zu entäußern vermag, wird unabweisbar vor die Aufgabe gestellt, sein geistiges Dasein aufs neue sich einzurichten. Die Frage lautet genauer: was an Büchern deutscher Sprache soll er lesen, ohne daß er selber das Gefühl habe oder von andern den Vorwurf verdiene: du nährst dich von fremdem Gute? Die einfachste Antwort müßte lauten: Allgemeinbesitz der Menschheit ist die Weltliteratur, zu der die deutsche ihr gerüttelt Maß beigetragen hat; beschränken wir uns darum, vom Hunger nach dem Worte gepackt, auf ihr ewig dauerndes, unverlöschliches und unverwelkliches, wichtiges, weil gesprochenes Wort. In jener unsterblichen Reihe, die von der „Ilias" bis zu „Krieg und Frieden" reicht, stand und steht für uns im Punkte des goldenen Schnitts der ,,Faust*'. Daneben wird nun freilich, von der Summe des Werks des größten Dichters aller Zeit, für uns erneute und in einer nicht erwarteten Art besondere Bedeutung gewinnen der „Westöstliche Diwan". Ein lange umstrittener Begriff, das Sonderdasein des jüdischen Dichters deutscher Zunge, ist jetzt, im Zuge einer Entwicklung, die wir selbst nicht bestimmt haben, zu einem festen geworden, und damit wurde aus *) Das siebenfache Licht. Gestalten und Stoffe des Judentums in der deutschen Dichtung. Schocken-Verlag, Berlin 1936. 508