Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Die Araberfrage
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 503 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895550-2905724--08593-2905785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Araberfrage Neben dieser wirtschaftlichen Seite der Effendi-Politik spielt auch deren rein politischer Machthunger eine große Rolle. Der Dynastienkampf, der noch heute ganz Arabien beherrscht, ist eben der Streit der palästinensischen Familien um die Hegemonie. Und dieser politische Kampf bestimmt die unvergleichlich geschickte Politik der Engländer, auch in Palästina das System zu befolgen, nach dem sie in den unabhängigen Staaten der Halbinsel vorgeht: die Politik des divide et impera. Der Gegensatz zwischen den Husseinis und den Naschaschibis und anderen, kleineren Clans erleichtert die Herrschaft Englands in Palästina. Er hat England zu dem genialen Schachzug der Gründung eines Obersten Muslimischen Rates geführt, welcher den Gegensatz zwischen den Familien womöglich noch vergrößerte, und er läßt, wenn nicht alles trügt, die Regierung den Plan einer Gesetzgebenden Versammlung gerade in dem Augenblick beginnender Annäherung der Parteien aufs Tapet bringen. Die Diskussionen darüber in der arabischen Presse zeigen, daß hier von England wieder gute Arbeit geleistet wurde. Es ist prinzipiell gleichgültig, ob die Araber nun dem Hochkommissar mit Ja oder Nein auf die Frage nach dem Gesetzgebenden Rat antworten: die arabischen Parteien haben gezeigt, daß ihre Stellungnahme nicht einmütig sein kann, aus der natürlichen Ursache der Verschiedenheit ihrer Machtinteressen. Diese Verschiedenheit kann alles bestimmen, weil die Effendis, im Gegensatz zu den Juden, einen Volkskörper vertreten, der keine vitalen Aufbauinteressen mit solidarischen Verpflichtungen und einer das bereits Erbaute sichernden Politik voraussetzt. Wenn auch bei den Juden die Vertreter der einzelnen Schichten für ihre jeweils besonderen Interessen kämpfen, so muß doch das nationale Band sie in jenem Augenblick einen, da sie vor allem ihre Existenz in Palästina verteidigen. Daher kommt also die Einmütigkeit des jüdischen Jischuw in der Frage des Gesetzgebenden Rates und die innerarabischen Gegensätze in der gleichen Frage (die, nebenbei erwähnt, für den Mufti zu einer Machtfrage erster Ordnung wird, weil mit der Einführung einer Gesetzgebenden Versammlung seine Domäne, der Oberste Muslimische Rat, zu einer Schattenexistenz verurteilt und seine Herrschaft über die religiösen Stiftungsgelder außerordentlich gefährdet ist). Die Tatsache dieser Gegensätze berechtigt jedoch nicht dazu, auf eine Entlastung der jüdischen Stellung zu schließen. Derartige Gegensätze sind, auch wenn sie sich über Jahrzehnte erstrecken, kein Axiom des Zusammenlebens im gemeinsamen Lebens- und Aktionsraum. Und das Bewußtsein ihrer Existenz darf auch nicht als Faktor einer moralischen Politik eingesetzt werden. Entweder es gelingt uns, in Palästina eine moralisch unangreifbare Politik zu führen, oder wir lavieren eine Zeit lang zwischen den Klippen 5G3