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Der Morgen · 1936-02-01 · Heft 11 (Februar 1936) · p. 495

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 11 (Februar 1936)
Article
Der Gezeichnete
Date
1936-02-01
Page
495 (sequence 6)
Language
German
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Der Gezeichnete und auch sein Meister stolz auf ihn war, da er ihm eine wichtige neue Art gezeigt hatte, Farben und Muster schön auf das Gewebe zu setzen, und weil überdies das andere fremde Wesen, das er um sich verbreitete, sie bezwang. Der also meinte, es gehe nicht an, daß ein Jude zunftmäßig aufgenommen werde und ein Handwerk erlerne, um die Christen zu beschränken, es gehe wider den alten Glauben; ganz zu schweigen davon, daß er ja zu alt sei für einen Lehrling nach dem Brauch der Zunft. Und so taten sich die Gesellen und Lehrlinge auch der anderen Gewerke zusammen, dem der Lohgerber und Weber, der Stellmacher und Schmiede, als sie seinen Worten unterlegen waren, und verlangten, daß der Meister Walz seinen jüdischen Lehrling aus dem Dienst schicke. Wiewohl der sich zunächst weigerte, so konnte er doch nicht dem Gerede, das sich bald gegen ihn erhob, auf die Dauer widerstehn, so daß er eines Tages dem Sender aufkündigte, wenn auch mit guten tröstenden Worten und indem er ihm ein zunftmäßiges ordentliches Zeugnis ausstellte. Aber was half das dem? Selbst die jüdischen Leute, die ihm seither Nahrung und Wohnstatt gegeben, waren währenddem doch zweifelhaft gewesen, weil sie am Gewohnten hingen, und hatten es auch oft geäußert, was er denn später unternehmen wolle, wenn er ausgelernt habe — mittellos wie er sei und ohne die Sicherheit, als Geselle eines Tages zunftmäßig arbeiten zu können. So riet man ihm, sich wieder auf den Weg zu machen und heimzukehren. Es ging auch gegen den Winter, und bald mußte die Wanderzeit aufhören. Schon standen die Obstbäume fast ohne Blätter, nur noch der Ahorn an den Flußrändern hatte sie als rötlich welkes Dach, und auf dem Fluß lag in der Früh immer Nebel. So machte er sich eines Morgens auf den Weg, nicht durchs Gebirge, sondern nun den Fluß entlang aufwärts, woher er gekommen war, innerlich erregt und zuversichtlich. Denn das Bedrückende, das ihn fortgetrieben hatte, war in seinem Erinnern ein wenig untergetaucht vor dem starken Gefühl, das in jedem Menschen lebt als ein Teil seiner Heimat. In jenem Jahr wurde es unvermutet früh kalt. Eines Nachts, als noch die Zeit war, da die Wandervögel nach Süden zogen,-, fiel Frost ein, und am Morgen lagen überall, von diesem Winter überrascht, erfroren die zarten Schwalben zu Hunderten am Weg und an den Uferrändern; manche bewegten noch leicht die Flügelchen zu den letzten Atemzügen. Den mit verstaubten Schuhen einsam wandernden Sender überkam dieses Leid als sein eigenes, da er die kleinen Leichen sah; er beugte sich da und dort hinab, wo er noch erbarmungswürdig Leben erkannte, und nahm ein und das andere der Tierchen behutsam in die Hand, es zu wärmen. Aber wie wenn gerade diese letzte Bewegung schädlich gewesen wäre für den zarten Kreislauf des unter den Federchen beschlosse- 495

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