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Der Morgen · 1936-02-01 · Heft 11 (Februar 1936) · p. 494

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 11 (Februar 1936)
Article
Der Gezeichnete
Date
1936-02-01
Page
494 (sequence 5)
Language
German
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Jakob Picard Sender am Arm und lenkte ihn, gefolgt von dem Färbermeistex, abseits. Sie beredeten sich lange, indes die anderen schauten und langsam stille wurden. Der Meister Walz war ein freiheitlicher und kluger Mann, der zeitweise, als er jung gewesen war, auf Wanderschaft gearbeitet und dabei Vieles gesehen hatte. So sagte er: „Worum soll ich nit en Jud als Lehrling oder G'sell habe? Wenn er 'was kann, isch er mer ebe so recht, wie en Chrischt. Abgemacht! Ihr kennet am Montag scho eintrete." Und so wurde Sender ein Handwerkslehrling für Blaufärberei und -druckerei, obwohl er sich zunächst keine rechte Vorstellung davon gemacht hatte, um was es ging, welchem Werk er sich da verschrieben hatte und was er später damit beginnen könne; denn es kam ihm vor allen Dingen darauf an, seinem Fernsein von daheim und seinem Leben von nun an einen Sinn zu geben. Er lernte gut, war anstellig und befriedigte seinen Meister wie nur einer. Bald verstand er sich darauf, die wertvollen Farbentafeln zu zerkleinern, so daß nichts verloren ging von dem fremden seltenen Stoff, verstand sie geschickt zu mischen zu einem schönen dunklen Blau, und vor allem das Zeug, Wolle und Leinen, so damit zu behandeln, daß es die einheitliche Farbe annahm, die die Besteller wollten. In der Kehilla gaben sie ihm Kosttage; jeden Tag aß er in einer anderen Familie. Und obwohl die zum Teil schon betuchten Viehhändler ihn nicht für voll nahmen in ihrem Sinn, so tat er ihnen doch darin etwas zugute, daß er den nichtjüdischen Leuten zeigte, wie auch einer von ihnen Handarbeit tun konnte. Unter den Bürgern des Städtchens kannte man ihn bald, den „Judelehrling", wie sie ihn nannten. Aber gleichwohl fühlte er sich einsam und dachte oft ans heimatliche Dorf. Doch schickte er nie einen Bericht. Denn anderseits bedrückte es ihn, daran zu denken, wie er stets hatte zurückstehen müssen und mißachtet war ohne Schuld. Hier war er frei, auch wenn die nichts von ihm wußten. Man spottete nicht über seinen Geburtstag; sie kannten weder sein Alter, noch vor allem zwangen sie ihn, als der Tag erschien, da die Pars cha Tauchocho gesagt wurde, den Fluch auf sich zu nehmen; denn hier brachte dieses Opfer ein alter Mann, der nicht mehr ganz bei Sinne war, wie der vor ihm daheim im Ort... Doch eines Tages — Sender war noch nicht ein Jahr in Arbeit — begab es sich, daß ein fremder Gesell beim anderen Färber im Städtchen eintrat. Der kam weit her aus dem Norden und hatte eine deutsche Sprache, die sie hier noch nie gehört hatten. Sie hörten ihn an, weil er sich sehr gewandt zeigte in seinem Fach 494

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