Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Der Gezeichnete
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 493 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gezeichnete Sie setzten sich und aßen ein einfaches Mahl von gebratenen Kartoffeln und etwas geschmortem Fleisch. Dabei konnte Baruch die Frage nach dem Woher, nach Ziel und Absicht schließlich doch nicht mehr unterdrücken, und Sender gab ihm eine etwas unklare Auskunft. Von draußen hörte man das Gegacker der Hühner und das Geblök von Ziegen aus dem Stall, wo Frau Breindel die Beute des Tages unterbrachte. Dadurch wurde Sender an das kleine Haus in der Heimat gemahnt. Es war ein Donnerstag Abend; und so lag es nahe, daß Baruch ihn einlud, über Schabbos zu bleiben. Wie gern sagte der Fremde zu, der sich den Menschen hier verbunden fühlte durch Blut und das alte heilige Gesetz und die guten Bräuche. Und die waren stolz, vor den anderen in der Kehilla einen Aurach, einen Gast, über Schabbos zu haben. Am Schabbos-Nachmittag, vor dem Mincha-Gottesdienst, standen sie auf der unregelmäßig gepflasterten Straße vor dem Haus, Nachbarn dabei, die Hände in den Hosentaschen und die langen Röcke breit auseinandergefaltet, so daß man die farbigen samtenen und seidenen bestickten Westen sah. Man besprach dies und jenes, und natürlich war es, daß man den Sender wieder nach dem Woher und Wohin fragte. Aber wie hätte er genau antworten sollen, was er plante! Er war der Enge entlaufen und der Erniedrigung, die ihm plötzlich zum Bewußtsein gekommen waren, und wenn er daran dachte, kam es beklemmend wieder über ihn. Er erwiderte: „Ich will etwas lernen, ein Handwerk, und dann wieder heim/' Das war ihm plötzlich so eingefallen, ohne daß er es sich groß überlegt hätte. Und da er es sagte, schauten sie einander an, bewegten die Köpfe hin und her und zogen die Brauen hoch. Sie sprachen es nicht aus, was sie dachten: meschugge. Nur einer, der Itzig Kallmann, meinte, das sei garnicht so unvernünftig heutzutage, wo sie nun alle Rechte hätten und tun könnten, was ihnen beliebte nach den neuen Gesetzen; und da eben der badische Großherzog, ihr neuer Fürst, gezeigt habe, daß er den Juden wohlgesinnt sei, so wäre da nichts dabei, wenn endlich einer begänne, auch ein Handwerk zu lernen. Und als in eben diesem Augenblick der Zeugfärber Thomas Walz, sein Nachbar, langsam und breit, wie es seine Art war, vorbeikam, die Hände in den Hosentaschen unter der Lederschürze — denn er kam eben von der Arbeit an der großen Küpe nebenan, wo in der blauen indischen Farbe die Tuche geschwenkt wurden —, so rief Kallmann ihn und fragte halb im Spaß und doch mit festem Willen: „Kannst nit en Lehrling brauche? Er isch zwar e weng alt, aber darum wird er alles um so leichter begreifen." „Freilich", erwiderte der, „du weißt jo, daß ich einen such'. Wer isch's?" Da lachten die andern alle. Aber der Itzig Kallmann, ein Mann, der, was er einmal begonnen hatte, auch durchführte, nahm den 493