Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Der Gezeichnete
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 492 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Picard ließ ihn auf dem Heu in der Scheune übernachten und gab ihm auch zwei Eier; er trank sie roh aus zu trockenem Brot, das er noch von daheim bei sich trug. Die Leute hier kümmerten sich wenig um ihn; denn es geschah häufig in jener Zeit, daß man Wanderern Unterkunft gab, da nur Straßen und Gewässer die Länder verbanden und Wagen und Schiff teuer waren. Am nächsten Tage wurde ihm die Landschaft immer fremder. Von der Höhe, daher er kam, sah er einen Fluß heraufblinken. Aber das Silberband zwischen den herbstlich gelben und roten Wäldern verschwand bald wieder, gab dem Wanderer jedoch für einen Augenblick ein Gefühl von Weite und Freiheit. So ging es mehrere Tage. Stets kam er erträglich unter und mußte nie im Freien oder auch nur heimlich unterm Dach von Heuhütten übernachten. Als er eines Abends von weitem zwei Türme und die Mauern eines Städtchens sah, wurde ihm zuerst bange. Was würde dort sein unter den vielen Menschen? Näher gekommen, da er um eine Waldecke, durch die nun die Straße führte, bog, bemerkte er vor sich einen kleinen Mann, den er sogleich als Juden erkannte;;er trug die schwarze Schildmütze und den langen Rock und in der herabhängenden Linken einen Sack, der dauernd hin und her zuckte, sodaß man sah, daß er "Lebendiges enthielt. Es müssen Hühner drin sein, dachte sich Sender. Wie oft war er selbst auf diese Weise heimgekehrt mit dem geringen Ergebnis einer Tageswanderung. „Scholaum alechem", sagte er, als er ganz nahe gekommen und sicher war, daß er sich nicht getäuscht habe. Das Männchen drehte sich um. Es hattte einen blond gekrausten Spitzbart um das freundliche Gesicht. „Alechem scholaum!" erwiderte es, und: „Wohie noch so spät?" — „Ins Städtle da. Seid Ihr doher?" „Freilich! Seid'r en Bar-Jisroel?" fragte das Männchen dazu, obwohl es schon gesehen hatte, mit wem es zu tun habe, und: „Was wellf r do bei uns?" — „Nor übernachte." „Übernachte? Seid bei mir mochel1), wenn'r sonst niemand kennet, kehret bei mir ein. Ich mach mir e kowed draus! Ich bin Boruch, der Schauchet hie!" „Schekauach! Ich dank7 Euch; nehms gern an." Es war ein Städtchen schon jenseits der Grenze, wo sie vor nicht langer Zeit badisch geworden waren und wo von alters Juden lebten unter zünftigen Handwerkern und den Bauern. Als Sender mit dem Gastfreund ins Haus getreten und in der niedrigen Stube von der großen mageren Frau Breindel, deren Stirn von dem glatten in der Mitte geteilten Scheitel fast verhüllt war, den Gruß empfangen hatte, sagte Baruch noch einmal: „Seid mochel!" *) Willkommen. 492