Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Die Bibel als Erzähler
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 488 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber werden sie abgewiesen: nur für die falsche eda haben sie gesprochen. „Alle sind sie heilig" ist die Losung der Aufständischen; P,der Mann, den ER erwählt, der ist der Heilige" lautet Mosches EntJ gegnung. Mit dem zweifachen „wen ER erwählt" ist das entscheidende Wort gesprochen. Als Leitwort führt es zum nächsten Abschnitt hinüber, wo auf das große Sterben die Bestätigung des Lebens folgt (17, 20): „Es soll geschehn, / der Mann den ich erwähle, sein Stab sproßt." * Wieder eine andere Aufgabe hat das Leitwort, wenn es gilt, auf die Sühne einer Schuld hinzudeuten, ohne sie als solche zu bereden. Durch Wortentsprechungen werden so die späteren Lebensbegebenheiten in ihrer kompensativen Bedeutung gekennzeichnet; die Stellen fallen gleichsam aufeinander und die Sühne deckt die Schuld. Einer solchen Erzählung nachzugehen, kann einen anmuten, als ob man im biblischen Text selbst einen versteckten Urmidrasch entdeckte, und man möchte zweifeln. Aber die Entsprechungen sind so genau und ergänzen einander so restlos,.daß man die Einsicht auf sich nehmen muß: die Wurzeln der „heimlichen Bedeutung" reichen in die Tiefe früher Überlieferungsformung hinab. Daß dem biblischen Menschen die Problematik des Handelns Jaakobs an seinem Bruder nicht entging, daß er das Unrecht als Unrecht empfand, geht aus einer Stelle wie Jer. 9, 3 zur Genüge hervor; auch Hos. 12, 4 mag so zu verstehen sein. Die Genesis- Erzählung, die ihrer Aufgabe nach, die genealogische Entstehung Israels von einer Urerwählung und der dadurch bestimmten sukzessiven Auslese aus zu fassen, auch hier die Ausscheidung des Erstgeborenen unter das Walten Gottes zu stellen hatte, konnte über das Unrecht nicht reden; und auch als echte Erzählung hatte sie für dergleichen Exkurse keinen Raum. Aber sie durfte dem führenden Satze der latenten biblischen Geschichtstheologie, daß Gottes Walten die menschliche Handlung doch freiläßt und ihre Verantwortung fordert, daß Geschichte also kein Monolog mit Zwischenrufen, sondern ein echter Dialog ist, nicht untreu werden. Für dieses Dilemma gab der biblische Leitwortstil wie von selber die Lösung her, — nur daß er hier offenbar schon in der Auswahl der Traditionen, ja vielleicht schon in der Bildung der Tradition selbst, also durch Leitmotive noch vor der Verdichtung zu Leitworten gewirkt hat. Auf Essaws „übermächtig großen und bitteren Schrei" antwortet Jizchak (l.M. 27, 35): „Mit Trug kam dein Bruder und hat deinen Segen genommen." Und Essaw wieder: „Rief man drum seinen Namen Jaakob, Fersenschleicher? beschlichen hat er mich 488