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Der Morgen · 1936-02-01 · Heft 11 (Februar 1936) · p. 483

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 11 (Februar 1936)
Article
Die Bibel als Erzähler
Date
1936-02-01
Page
483 (sequence 2)
Language
German
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Marlin Buber: Die Bibel als Erzähler stammt hier der tiefen Absicht, zu berichten und nur zu berichten; und eben deshalb darf die .Botschaft sich ihr nicht auferlegen wollen. Für einen lehrhaften Vortrag des den reinen Bericht übergreifenden religiösen Gehalts ist hier kein Raum; die Erzählung hat artgemäß keine Fugen. Die Botschaft kann hier nicht anders eingehen, als indem sie das epische Gesetz anerkennt und sich unter seinen Schutz stellt. Das tut sie, indem sie, ohne das Gebild der Erzählung anzutasten, sie sinnhaft, nämlich durch Leitworte rhythmisiert. Wer nun recht hinhört, den rauscht aus dem Gleichklang die obere Bedeutung an. Zwischen Stelle und Stelle, also zwischen Stadium und Stadium der Geschichte ist eine Beziehung gestiftet, die unmittelbarer, als ein angehefteter Spruch es vermöchte, den Urgrund der erzählten Begebenheit aussagt. Nirgends quillt die epische Sprache über, nirgends rhetorisiert, nirgends aber auch lyrisiert sie; der Leitwortrhythmus ist ein echt epischer Rhythmus, das rechtmäßige künstlerische Signum eines auch die Welt der Gestalt ura- und übergreifenden Geheimnisses. Der Leitwortstil tritt naturgemäß am stärksten da hervor, wo der einzelne Vorgang nicht, wie in der Josefgeschichte und zumeist im zweiten Buch, in einen ununterbrochenen Ereignisstrom eingetan und nicht von ihm ablösbar, sondern, wie in den 38 ersten Kapiteln von Genesis und den erzählenden Abschnitten von Numeri, in sich gerundet und aus sich erfaßlich ist. Diesen Teilen des Fentateuchs will ich meine Beispiele entnehmen. Eine Vorbemerkung erscheint mir hierzu noch unerläßlich. Wenn ich jeweiien den Sinn aufzuzeigen versuche, der sich im Leitwortstil darstellt, kann es nicht darum gehen, ihn in lehrhaften Sätzen als die „wahre Bedeutung" der Erzählung auszubreiten und also das nachträglich herstellen zu wollen, was die Bibel sich selber verbietet. Hier ebensowenig wie irgendwo, wenn man die Interpretation echten Wortes erstrebt, ist ein „Das ist das" zulässig. Die Leitwortstil-Deutung kann nur Andeutung, die Aufzeigung nur Hinzeigung sein auf etwas, was in seiner Wirklichkeit wahrzunehmen, nicht aber zu umschreiben und zu umdenken ist. Es soll erzählt werden, wie sich nach der Flut das Erdvolk spaltete, die Stämme, „die Inseln der Stämme" sich trennten, „jedermann seiner Zunge nach" (I. M. 10, 5, 25, 32). Das war die Weltstunde, von der gesungen wurde (V. M. 32, 8), daß der Hohe damals die Adamskinder voneinander trennte. Wie ist das zugegangen? In zwei Hälften (v. 1—4, 5—9) baut sich die knappe Erzählung auf: die Handlung der Menschen, Gottes Gegenhandlung. Sieben 483

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